Allgemeinmedizin leidet unter negativem Image

Vorarlberg / 08.02.2020 • 07:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Thomas Jungblut, Andreas Sönnichsen von der MedUni Wien und Markus Baldessari (v. l.) hatten genug medizinischen Gesprächsstoff. ÄK

MedUni-Professor fordert außerdem mehr Ausbildungskultur an Spitälern.

Dornbirn Ärztemangel? „Es gibt keinen!“ Die Antwort von Andreas Sönnichsen kommt ohne Zögern. „Österreich ist eines der Länder mit der höchsten Arztdichte, nur arbeiten die Mediziner am falschen Fleck“, erklärt Sönnichsen, Professor für Allgemein- und Familienmedizin an der MedUni Wien. Systembedingt seien falsche Anreize gesetzt worden. Als Beispiel nennt er die Zunahme an Wahlärzten um mehr als 50 Prozent. „Was machen die alle?“, fragt er sich, denn: „Die sind nicht wirklich versorgungswirksam.“ Für Sönnichsen braucht es eine Reglementierung des Wahlarztsektors, in welcher Form auch immer. Man könne nicht einen endlosen Wildwuchs tolerieren, der zudem noch Geld aus dem Sozialversicherungssystem ziehe.

Stiefmütterliche Behandlung

Statt die Wahlärzte zu beschneiden, würde er es allerdings lieber sehen, wenn der Kassenvertrag attraktiver gestaltet würde. „Daran müssen wir arbeiten“, betonte Andreas Sönnichsen, der auf Einladung der Ärztekammer unlängst zu einem Vortrag in Vorarlberg weilte. Es ging um die Allgemeinmedizin und die Notwendigkeit, diesen medizinischen Bereich für junge Ärzte attraktiver zu machen. Laut Sönnichsen ist speziell die Allgemeinmedizin in Österreich über Jahrzehnte sehr stiefmütterlich behandelt und weiterentwickelt worden. „Jetzt kriegen wir die Quittung dafür.“

Auch die Zahlen in Vorarlberg sprechen eine deutliche Sprache: Von den 168 Kassenärzten für Allgemeinmedizin können 114, das sind mehr als zwei Drittel, in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen. Während mit der Bevölkerung die Fallzahlen in den Ordinationen gewachsen sind, blieb die Zahl der Allgemeinmediziner gleich. Nach Meinung von Sönnichsen wird sich die Situation noch zuspitzen, was vor allem der schlechten Ausbildung geschuldet sei. „Wenn man den Studierenden sechs Jahre lang erzählt, dass eigentlich nur Allgemeinmediziner wird, wer sonst nichts wird, kann das nicht funktionieren“, wird er deutlich. Dadurch sei die Allgemeinmedizin in eine Abwärtsspirale geraten. „Leider wird auch an den Universitäten die Allgemeinmedizin als Fach nur langsam wahrgenommen“, merkt Sönnichsen an.

Ausbildungskultur schaffen

In den Spitälern finde ebenfalls zu wenig Ausbildung statt. „Es geht um Ausbildungskultur, und da ist bei den Primarärzten anzusetzen“, fordert er. Gleichzeitig versteht Sönnichsen, dass ein Abteilungsleiter ob der kurzen Zeit, die ein angehender Praktiker auf seiner Station verbringt, wenig Lust hat, in diesen zu investieren. „Die Trennung zwischen Fachausbildungsarzt und Turnusarzt ist schädlich, die macht das Fach Allgemeinmedizin unattraktiv“, erklärt Sönnichsen. Was ihm Hoffnung gibt, ist, dass der schon lange geforderte Facharzt für Allgemeinmedizin zumindest im Regierungsprogramm steht.