Schwarmintelligenz
Der Höhepunkt der Pandemie ist noch nicht erreicht, Österreich hat es aber immerhin geschafft, die Kurve abzuflachen, wie man so sagt: Die Zahl der Infizierten steigt weniger stark an als ursprünglich befürchtet. Wobei der Preis dafür unermesslich ist: Das gesamte gesellschaftliche und ein großer Teil des wirtschaftlichen Lebens ruht, Hunderttausende sind arbeitslos.
„Die allmähliche Rückkehr zur Normalität kann nicht von Kanzler, Vize und noch so vielen Experten allein geklärt werden.“
Wie aber soll es nun weitergehen? Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) hat angekündigt, dass nächste Woche ein Plan für ein „langsames Hochfahren“ präsentiert werde. Sprich: Schritt für Schritt sollen Beschränkungen zurückgenommen werden. Details sind offen – und werden es wohl auch bleiben. Dieser Prozess wird eher einer Autofahrt bei starkem Nebel gleichen: Man weiß zwar, wo man hin will, aber nicht, was in hundert Metern kommt. Vielleicht ein Hindernis? Keine Ahnung.
So gesehen wird nun auch die Regierung nur einen Anfang und ein Ziel vorgeben können. Viele Fragestellungen werden unbeantwortet bleiben: Wie schaffen wir es, bis zur Erfindung eines Impfstoffs gegen COVID-19 einen Millimeter Normalität nach dem anderen zurückzuerobern – und dabei das weiterhin große Infektionsrisiko zu minimieren? Das ist hochkomplex. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Vize Kogler und noch so viele Experten werden das nicht allein klären können. Es sind vielmehr alle gefordert.
Was ist wie möglich?
Konkret: Wie lässt sich zum Beispiel in der Familie ein persönliches Zusammensein auch mit Älteren organisieren? Wie könnten Kinderbetreuung und Schule ausschauen? Klar: Kleingruppen wird es geben müssen. Aber wie wird das möglich mit den vorhandenen Lehrern? Im Schichtbetrieb? Womit wir schon beim nächsten Stichwort wären: Wie und wo könnte man in der Firma, die einem gehört oder in der man gerne wieder arbeiten würde, zum Neustart schreiten? Allein das erfordert Phantasie und wird in jedem Einzelfall anders ausschauen – was nur unterstreicht, dass das letztlich nicht einmal die kompetentesten Leute in der Bundeshauptstadt allein regeln können. Das muss vielmehr dezentral laufen. Oder „Bottom-up“, also von unten nach oben, wie IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka diese Woche in den VN erklärte.
Die Fragestellungen kennen keine Grenzen: Im schlimmsten Fall werden größere Versammlungen auf längere Zeit schwer bis unmöglich bleiben. Das würde etwa den Kulturbetrieb, den Sport, Volksfeste und die Kirche treffen. Auch diesbezüglich ist daher sogenannte Scharmintelligenz gefordert. Beziehungsweise ein Nachdenken (inklusive Austausch) von Vielen.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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