Die Maske bleibt oben
Zugegeben, die Vorstellung, dass bei Papas Geburtstag plötzlich Uniformierte in der Küche stehen und die Gedecke nachzählen, weil Frau Nachbarin zum Telefon gegriffen hat und jetzt hinter vorgezogener Gardine lüstern zusieht (mangels erbaulichem TV-Programm), ist schon einigermaßen befremdlich. Aber das dürfen die ja gar nicht! Ach was, die dürfen noch viel mehr! Schon die halblaut ausgesprochene Vorstellung eines solchen Überwachungs-Denunzianten-Staates bringt die Gemüter in Wallung. Die Frage, wie es so weit kommen konnte, wird deutlich leiser und verschämt mehr zu sich selber genuschelt.
Szenenwechsel: Railjet, Abfahrt in Bregenz. Der Zugchef meldet sich mit den üblichen Ansagen und dann noch ein paar Worten zur Maske. „Die bleibt oben“, sagt er. „Auch wenn der Schaffner vorbei ist, bleibt die oben. Das gilt auch beim Telefonieren und beim Brillenputzen…“ Ihm fallen noch viele ungültige Ausnahmen ein. Er presst sie alle im selben, unfreundlichen Tonfall durch den Lautsprecher. Man kommt sich vor wie seinerzeit in der Schule, wenn der Klassenvorstand sich die Bande wieder mal vorgeknöpft hat.
Aber man kann’s ihm nicht verdenken. Aus der wütenden Stimme spricht wohl die gesammelte Erfahrung des Corona-Jahrs 2020. „Die Maske bleibt oben.“ Es wäre so einfach. Kommen wir ohne Kasernenhofton und Strafandrohung echt nicht zur Besinnung?
Thomas Matt
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