Der Stehaufmann – ein Nachruf auf ein Coronaopfer

Vorarlberg / 19.11.2020 • 15:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Stehaufmann - ein Nachruf auf ein Coronaopfer
Kurt und Helene gab es meistens nur im Doppelpack.

Kurt Unterrainer (80) litt an der unheilbaren Lungenkrankheit COPD. Das Coronavirus wurde dem Dornbirner zum Verhängnis.

Dornbirn Kurz vor seinem Tod am 2. November war der Mensch bei ihm, den er am meisten liebte, seine Frau Helene (74), mit der Kurt 55 Jahre verheiratet war. „Ich sagte zu ihm: ,Kurt, du kannst gehen. Du musst dich nicht um mich sorgen. Unsere Kinder schauen auf mich.“ Zwei Stunden später schlief der Familienvater friedlich ein.

Seine Tochter Doris (53) findet darin Trost, „dass im Himmel jetzt alle zusammen sind: mein Papa, meine Schwester Karin und mein Bruder Dietmar.”  Schlimmer als der Tod ihres Vaters traf sie der Tod ihrer zwei Geschwister. Wenn ein alter Mensch geht, der ein ausgefülltes und reiches Leben hatte, kommt man eher damit zurecht, als wenn Menschen gehen, die ihre Träume noch nicht verwirklicht haben und jung aus dem Leben gerissen werden. Karin starb 2011 ganz plötzlich an einer Hirnblutung. Sie war erst 46 Jahre alt und hinterließ einen Mann und zwei Kinder. Dietmar verstarb 2018. Nach einem epileptischen Anfall stürzte der Vater einer Tochter so unglücklich auf den Kopf, dass er 51-jährig sein Leben lassen musste.

Der Verlust der zwei Kinder schweißte Helene und Kurt noch enger zusammen. „Mein Mann und ich haben viel miteinander geredet. Das gab uns Kraft.“ Die positive Lebenseinstellung ihres Gefährten übertrug sich auf Helene. „Er sagte: ,Das Leben geht weiter. Wir haben auch noch andere Kinder.“ Weil Kurt sich in keiner Lebenssituation unterkriegen ließ, und war sie auch noch so schrecklich, nannten ihn seine Freunde „Stehaufmännchen“.

“Papa hat viel mitgemacht. Trotzdem jammerte er nie, war zufrieden, dankbar und fröhlich.”

Doris, Tochter

Der fünffache Vater musste in seinem Leben so manchen Schicksalsschlag verkraften. Zwei Mal sprang Kurt dem Tod gerade noch von der Schippe. Im Jahr 2008 wurde dem Dornbirner, der immer gern geraucht hatte, ein Teil seiner Lunge entfernt. 2011 erlitt er einen Herzinfarkt. „Papa hat viel mitgemacht. Trotzdem jammerte er nie, war zufrieden, dankbar und fröhlich“, bewunderte Doris ihn dafür immer.

Er hatte um die Kinder Angst

Überhaupt sei er ein super Vater gewesen. „Wenn man ihn brauchte, war er da.“ Dass er sie als Teenager nicht gerne ausgehen ließ und er diesbezüglich sehr streng war, hat sie ihm längst verziehen. „Jahre später sagte er zu mir: ,Ich hatte einfach Angst um dich und deine Geschwister.“ Wenn er einmal mit seiner Frau in Streit geriet, dann nur wegen der Kinder. Helene: „Er hat sie einfach nicht gern fortgehen lassen.“

Aber selbst der Nachwuchs konnte die zwei nicht auseinanderdividieren. Wie eng verbunden Helene und Kurt waren und wie sehr sie sich geliebt haben, sieht man, wenn man die Familienalben durchblättert: Es gibt kaum ein Foto, auf dem sie einander nicht halten und berühren. „Ich hätte alles von ihm haben können“, ist Helene zutiefst dankbar, dass sie so einen guten Mann hatte. Selbst die Tatsache, dass die beiden 24 Stunden am Tag zusammen waren, beeinträchtigte ihre Beziehung nicht.

Kurt und Helene waren gerne in den Bergen unterwegs. Die Höhenluft tat dem lungenkranken Mann gut.
Kurt und Helene waren gerne in den Bergen unterwegs. Die Höhenluft tat dem lungenkranken Mann gut.

Im eigenen Betrieb in Dornbirn arbeiteten sie Rücken an Rücken. Mit seinem Fleiß brachte es das Paar weit. Bevor sich Kurt mit einer Weberei selbstständig machte, arbeitete der Webermeister in den Nachtstunden in einer Textilfirma in Lustenau. Parallel dazu fertigte er tagsüber die ersten Leintücher im eigenen Betrieb an. Nach einer zehnjährigen Doppelbelastung konzentrierte Kurt sich dann ganz auf sein Unternehmen und produzierte die ersten Handwebe-Teppiche. „Papa arbeitete wie ein Tier. Aber für ihn war Arbeit kein Muss, sondern eine Leidenschaft“, zeigt sich Tochter Doris beeindruckt von der Tüchtigkeit ihres Vaters. In den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts verlieh ihm der Wirtschaftsverband wegen seiner Verdienste den Titel Kommerzialrat.  Seine Ehefrau weiß, dass er auf sein Lebenswerk stolz war. „Kurt sagte zu mir: ,Jetzt haben wir es doch gut geschafft und gemeistert, Helene.“

Im wohlverdienten Ruhestand genoss das Paar sein Leben und machte öfters in Spanien Urlaub.
Im wohlverdienten Ruhestand genoss das Paar sein Leben und machte öfters in Spanien Urlaub.

Kurt ist der Witwe auch nach seinem Tod ein Vorbild. „Er würde sagen: ,Es muss weitergehen.‘“ Deshalb versinkt die 74-Jährige nicht in Selbstmitleid. Die Kraft zum Weiterleben bezieht sie aus dem Glauben: „Ich bete viel und vertraue darauf, dass wir eines Tages wieder zusammenkommen.“ Doris und ihren Geschwistern Andrea und Jürgen setzt der Verlust des Vaters auch zu. „Aber dadurch, dass wir schon so oft mit dem Tod konfrontiert wurden, können wir es besser verkraften.“

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