Betten ohne Personal sind nutzlos

Vorarlberg / 11.04.2021 • 22:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Alles aufgebraucht: Vorarlberg wartet auf Nachschub. Spiegel
Alles aufgebraucht: Vorarlberg wartet auf Nachschub. Spiegel

Die Zahl der freien Intensivbetten sagt noch wenig aus, erläutern Intensivmediziner.

Schwarzach Coronazeit ist Zahlenzeit: Infizierte, Tests, Inzidenz … der tägliche Blick auf die Werte gehört bei vielen zu den Morgenritualen. Auch die Politik möchte sich an den Zahlen orientieren. Derzeit gilt der Sieben-Tages-Durchschnitt der Infektionsrate pro 100.000 Einwohner als Vergleichsgröße – Inzidenz genannt. Auch die Belegung der Intensivbetten dient als Anhaltspunkt für Verschärfungen. Nur: Zahlen allein sagen zu wenig aus. Auf den Intensivstationen wird es nämlich schon vor der Vollbelegung kritisch, wie Intensivmediziner betonen.

Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich zu. Am Sonntag mussten mehr als 600 Covid-19-Infizierte intensivmedizinisch betreut werden. Ähnlich viele Patienten gab es zuletzt im Dezember. Besonders dramatisch war die Entwicklung in Wien. 243 Schwerkranke lagen auf der Intensiv. In Vorarlberg wurde ein Covid-Patient ins Spital aufgenommen, die Zahl der Patienten stieg auf 35. Von 112 Normalbetten für Covid19-Patienten sind 86 frei. Von 52 Intensivbetten sind elf mit Covid-Patienten belegt, 24 mit anderen Personen. 17 sind also frei.

Eine Covid-Erkrankung kann heimtückisch sein. Der Sauerstoff landet nicht mehr im Blut, die Sättigung fällt, Patienten müssen ins künstliche Koma versetzt und beatmet werden. Das ist betreuungsintensiver als bei anderen Intensivpatienten. In der zweiten Welle wurden deshalb andere Stationen umgebaut und Operationen abgesagt, weil das Personal benötigt wurde und Intensivbetten nach Operationen nicht zur Verfügung standen.

Es kann schnell gehen

Intensivmediziner Thomas Striberski vom Krankenhaus Dornbirn erinnert sich: „Vor der Covidwelle waren nur Bregenz, Dornbirn und Feldkirch echte Intensivstationen. Nun sind es alle. Im Herbst haben wir aus Überwachungsbetten Intensivbetten gemacht und die Tageschirurgie wurde zur Intensivstation.“ Das habe nur funktioniert, weil OP-Personal ausgeholfen hat. „Ein Bett und eine Maschine allein bringen nichts. Es braucht Personal.“ Steigen die Zahlen, müssen also Operationen abgesagt werden. Ende Oktober ist das geschehen. „Man kann keine Operationen absagen, die lebensnotwendig sind. Stark zurückgegangen sind die Orthopädie-Operationen, weil das Personal fehlte.“

Nach großen Operationen am Bauch oder am Gehirn landet man in der Regel auf der Intensivstation. „Diese Operationen musste man verschieben, weil kein Intensivbett frei war.“ Derzeit besteht die Gefahr aber nicht. Laut Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) muss erst gehandelt werden, wenn über 70 Covid-Patienten in den Krankenhäusern liegen – derzeit sind es halb so viele. „Wir sind froh, dass wir momentan weit davon entfernt sind“, sagt KHBG-Sprecherin Andrea Marosi-Kuster. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle gab es 44 Intensivpatienten.

Genügend Beatmungsgeräte sind jedenfalls vorhanden. Kurz vor der zweiten Welle habe man welche nachgekauft, erläutert Striberski. Es gibt klassische Beatmungsgeräte für Sauerstoff, welche mit Masken und Geräte zur Vollbeatmung; von allen gibt es genug. „Wenn man auf der Intensiv landet, braucht man oft zwei davon“, fährt der Oberarzt fort. Elf Covid-Patienten sind derzeit betroffen. Der Herbst zeigte, wie schnell die Zahl steigen kann.

„Im Herbst sind die Orthopädie-Operationen stark zurückgegangen, weil das Personal fehlte.“

Covid-Patienten sind betreuungsintensiv. Die Zahl der freien Betten führt deshalb in die Irre: Es braucht das Personal dazu. APA
Covid-Patienten sind betreuungsintensiv. Die Zahl der freien Betten führt deshalb in die Irre: Es braucht das Personal dazu. APA