Modellregion wackelt noch nicht

Vorarlberg / 23.04.2021 • 21:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Modellregion wackelt noch nicht
“Ob Leute wieder zu zehnt in die Sauna gehen können, ist für mich nicht so wichtig”, sagt Mückstein.Kulhanek/BMSGPK

Sind mehr als ein Drittel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt, will Mückstein auf die Bremse steigen.

Wien Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sieht den angekündigten Öffnungsschritten mit Bauchweh entgegen. Er sei nicht der Einzige, dem die deutlich ansteckendere „Tiroler Variante“ des Coronavirus im Magen liege. „Sie könnte die Schritte beeinflussen.“ Zur Ankündigung von Landeshauptmann Markus Wallner, die Lockerungen nur zurückzunehmen, wenn die Intensivkapazitäten aufgestockt werden müssten, sagt der Minister: „Man muss früher reagieren.“ Er orientiert sich an der systemkritischen Grenze, also daran, dass maximal ein Drittel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sein dürfen.

 

Sie sagten im Nationalrat: „Es ist noch lange nicht vorbei.“ Was ist Ihre Prognose?

Mückstein Wir sind am Gipfel der dritten Welle angekommen, aber die Intensivstationen sind noch sehr voll, vor allem in Wien. Oberste Maxime ist es, freie Intensivbetten zu haben. Da geht es nicht nur um Corona. Es kann jeder ein Intensivbett benötigen. Sind keine Betten frei, sterben Menschen, die nicht sterben müssten.

 

Wird es ein normaler Sommer?

Mückstein Es wird davon abhängig sein, was wir in den kommenden Wochen machen. Bis Ende Juni, Anfang Juli können alle Österreicher, die wollen, geimpft werden. Ab Juni wird es vermutlich mehr Impfstoff als Impfwillige geben. Wir müssen jene erreichen, die noch schwanken. Hier werden die Betriebsimpfungen zentral. Und wir müssen auch die Jungen überzeugen. Bei der neuen Variante sind auch sie gefährdet. Der jüngste Coronapatient auf der Intensivstation im AKH ist 23, ohne Vorerkrankungen.

 

Wie waren Sie in den Prozess der Öffnungsschritte miteingebunden?

Mückstein Ich war so weit eingebunden, dass ich vertreten kann, dass die freien Intensivkapazitäten sichergestellt sein müssen. Alles andere ordnet sich unter.

 

In Tirol sind mittlerweile 50 Prozent der Neuinfizierten von der „Tiroler Variante“ betroffen.

Mückstein Ich bin nicht der Einzige, dem das im Magen liegt. 

Ist die Öffnung zu riskant?

Mückstein Laut der aktuellen Prognose wird es möglich sein, in vier Wochen zu lockern. Aber die „Tiroler Variante“ war bislang noch nicht in dem Ausmaß am Tisch und könnte die Schritte beeinflussen. Reichen die Intensivkapazitäten nicht, ist der Lockdown die einzige Alternative.

 

Landeshauptmann Markus Wallner erklärte, er würde die Vorarlberger Lockerungen nur überdenken, wenn die Intensivkapazitäten überschritten sind, also rund 50 Betten belegt sind und aufgestockt werden müsste. Ist das früh genug?

Mückstein Die Intensivbelegung kommt immer zwei, drei Wochen verspätet. Wenn man wartet, bis die Intensivbetten zu sind, und dann erst reagiert, hat man ein Problem. Man muss früher reagieren. Vorarlberg hat aber den Vorteil, dass viel getestet wird. Derzeit gibt es dort auch ausreichend Intensivbetten.

 

Wann steigen Sie auf die Bremse? Als systemkritische Grenze gilt, wenn ein Drittel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sind.

Mückstein Ja, daran werden wir uns orientieren.

 

Befürchten Sie, dass es zu weiteren Lockdowns kommen wird, gerade auch mit Blick auf den Herbst?

Mückstein Mir ist im Herbst vor allem wichtig, permanenten Präsenzunterricht zu schaffen. In Wien wird derzeit ein Gurgel-Pool-PCR pilotiert. Mitte September können wir dann mit den PCR-Gurgeltests in den Schulen starten.

 

Das kommt österreichweit?

Mückstein Das ist das Ziel. Es ist viel wichtiger, dass wir uns darum kümmern und nicht ständig vom Grünen Pass und Party reden. Mir ist wichtig, dass die Schulen im Vollbetrieb sind. Ob Leute wieder zu zehnt in die Sauna gehen können, ist für mich nicht so wichtig.

Zur Person

Wolfgang Mückstein

Allgemeinmediziner, Gesundheitsminister

Geboren 5. Juli 1974

Ausbildung Medizinstudium inklusive Traditioneller Chinesischer Medizin

Laufbahn Hausarzt, Ärztekammer, Leiter eines Primärversorgungszentrums, Koalitionsverhandler, Minister

Familie verheiratet, zwei Töchter