Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Der Geschichtenzuträger – ein Erzählkranz in 10 Teilen

Vorarlberg / 05.05.2021 • 12:59 Uhr

Ein Mann auf einer Zugfahrt erzählte mir. Er wusste, dass ich Schriftstellerin bin und wollte mich mit einer Geschichte unterhalten, wohl wissend, dass ich sie vielleicht verwende. Ich legte mein Buch beiseite („Die Scham“ von Annie Ernaux) und beugte mich vor. Er wählte die Worte sorgsam, um mir zu zeigen, dass er etwas von Literatur verstehe.

„Ich hatte schon vergessen“, begann er, „wie das Glück aussieht, da begegnete mir Elsa, ein Mädchen aus meiner Schulzeit, inzwischen eine Frau mit Silberfäden im braunen Haar. Sie erkannte mich nicht gleich. Ich war damals ein Tölpel von vierzehn Jahren, sie dagegen gab bereits vor, wie sie als Frau sein könnte, und hatte keine Augen für mich, wie überhaupt für keinen Buben aus meinem Jahrgang. Sie interessierte sich für die in der Maturaklasse, besonders für einen mit geöltem Haar und Tanzschritt.

Das war das Erste, was mir eingefallen war, als ich sie wieder gesehen hatte nach so vielen Jahren, und so drückte ich meinen Rücken durch und versuchte, jugendlich zu wirken, gleich ob sie mir nachschauen würde oder nicht. Nur einen Satz des Erstaunens hatten wir gewechselt. Ich hatte ihr nicht nachgeschaut.“
Ich überlegte, da der Mann eine Pause machte, ob das alles war, oder ob er an seiner Geschichte weitererfinden würde. „Ich kenne beim Einwohnermeldeamt eine Angestellte“, sprach er weiter, „die verhalf mir zu Elsas Adresse. Ihr Nachname war ein anderer, also hatte sie geheiratet, wie ich, war vielleicht aber auch geschieden, wie ich. Jedenfalls wartete ich unauffällig vor ihrem Haus.
Elsa brachte die Mülltonne, die übervoll war, auf die Straße, zurrte das Band oben enger, damit nichts herausfiele. Ich ging zu ihr hing, spielte den Erstaunten, dass wir uns schon wieder zufällig treffen, sie fuhr sich in die Haare, durch die ungewaschenen Haare und entschuldigte sich für ihr Aussehen. Ich sehe furchtbar aus, Karl, sonst Karl, würde ich dich auf einen Kaffee einladen. Ich sagte, sie gefalle mir auch so, als fleißige Hausfrau. Das ärgerte sie, rot färbten sich ihre Wangen, und sie schlug das Gartentor vor meinen Augen zu.“

„Ich überlegte, da der Mann eine Pause machte, ob das alles war, oder ob er an seiner Geschichte weitererfinden würde.“

„Und das ist die Wahrheit?“, fragte ich den Mann. Seine Schuhspitzen berührten die meinen. Seine Schuhe waren zweifärbig, ich nehme an, ein italienisches Modell, meine sind orthopädisch, aber inzwischen wohl modern. Ich hatte solche in der Maximilianstraße in München an Schaufensterpuppen gesehen.
„Ist es denn wichtig für Sie“, fragte er, „ob die Geschichten sich tatsächlich so zugetragen haben? Sie werden sie sowieso zu ihren eigenen Geschichten machen.“
„Da haben Sie recht“, sagte ich zu dem Mann im Zug und zeigte ihm mein bestes Gesicht.
„Übrigens, mein Name ist Karl.“
„Freut mich, ich heiße Monika.“
„Ich weiß doch, wer Sie sind“, sagte er.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.