Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Der neue Mensch

Vorarlberg / 11.05.2021 • 18:07 Uhr

Jetzt, da alle gebannt nach vorn schauen, fällt der Blick zurück in den Sommer 2020 naturgemäß schwer, aber er lohnt sich: Damals vermittelten die Feuilletons der Philosophen und Theologen, ja selbst die Einschätzungen der Ökonomen den Eindruck, dass nach Corona alles anders würde.

Die Vorhersagen schwankten von hell bis düster. Die Optimisten sahen am Horizont schon den neuen Menschen heraufdämmern, der sich befreit vom ewigen Widerstreit zwischen Sein und Haben und das Wesentliche erkennt. Corona-Fieber-Fantasien? Soweit der vergangene Sommer.

Heute ist Aufbruch! Bald, sagt die Mama zu ihrem Kind auf der Reise, bald sind wir da! Dann gibt’s ein Eis. Bald, verkünden die elterlichen Staatenlenkern ihren kindlichen Völkern, ist es vorbei. Dann gibt’s wieder Bier bis 22 Uhr im Lokal. Das erzeugt Euphorie.

Wenn der Rausch verflogen ist, werden wir wieder wie altgediente Bibelexegeten verklausulierte Gesetzestexte durchstöbern auf der Suchen nach der endgültigen Antwort: Was genau gilt denn jetzt?

Aber das kommt erst. Jetzt herrscht erst mal frohe Aussicht, denn es geht wieder ans Genießen.

Gilt das auch für die Langzeitarbeitslosen, denen der Wirtschaftsbund jetzt gerne die Stütze kürzen würde, um sie für Jobs zu motivieren, die es gar nicht gibt? Ob auch diese Kinder ihr Glück kaum fassen können? Der neue Mensch trägt alles in allem sattsam bekannte Züge.

Thomas Matt

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