Beinamputierte Frau: “Das Leben ist trotzdem schön”

Vorarlberg / 06.06.2021 • 08:00 Uhr
Beinamputierte Frau: "Das Leben ist trotzdem schön"
Gudrun Flor-Loner mit ihrem Hund Samy. Er ist seit zehn Jahren an ihrer Seite. KUM

Das Leben von Gudrun Flor-Loner (59) stand mehrmals auf der Kippe. Zuletzt überlebte sie nur knapp eine Blutvergiftung.

Dornbirn Ihr Leiden begann im Jahr 1996. Starke Beinschmerzen beeinträchtigten Gudrun Flor-Loner beim Gehen. „Ich konnte keine Treppen mehr steigen.“ Man kam drauf, dass die Dornbirnerin an der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (auch Schaufensterkrankheit genannt) leidet. Verengungen der Beinarterien führen zu Durchblutungsstörungen in den Beinen.

Bei Gudrun war die Krankheit bereits so weit fortgeschritten, dass es um Leben und Tod ging und die Amputation ihrer Beine im Raum stand. In der Klinik in Innsbruck wurde die zweifache Mutter im Dezember 1997 notoperiert. „Man hat mir Bypässe in den Beinen und im Bauch eingesetzt.“ Die Nacht vor der OP war so schrecklich, dass sie sie nie mehr vergisst. „Ich hatte so starke Schmerzen, dass ich die ganze Nacht schrie.“ Die Ärzte gingen davon aus, dass die Bypässe 20 Jahre halten. Dem war aber nicht so. „Im Jahr 2006 bekam ich wieder Schmerzen.“

Heimliche Tränen

In den nächsten zehn Jahren folgte eine Operation um die andere. Immer wieder mussten Bypässe erneuert, Verengungen beseitigt und Wunden, die nicht heilen wollten, behandelt werden. 2018 stand ihr Leben abermals auf dem Spiel. „Ich hatte eine Blutvergiftung. Um mein Leben zu retten, mussten mir die Ärzte das linke Bein abnehmen.“ Nachsatz: „Seither bin ich im Rollstuhl.“

Gudrun vergoss viele Tränen, aber nur, wenn sie allein war, in Gesellschaft riss sie sich zusammen. „Ich kann doch mein Schicksal nicht auf andere abwälzen.“ Die invalide Frau versank aber nicht in Selbstmitleid. „Ich musste mir gegenüber hart sein.“

Da war die Welt noch in Ordnung. Gudrun Flor-Loner  (rechts) mit ihrem Mann Peter und den Kindern Marco und Angelina.
Da war die Welt noch in Ordnung. Gudrun Flor-Loner (rechts) mit ihrem Mann Peter und den Kindern Marco und Angelina.

Die Amputation veränderte ihr Leben um 180 Grad. „Ich bin 59 Jahre alt und kann fast nix mehr tun.“ Früher ging die ehemalige Verkäuferin gern tanzen, wandern, baden und arbeiten. Sie spielte auch mit Begeisterung und mit großem Erfolg Dart. „Ich war Vizelandesmeisterin.“ All das gehört nun der Vergangenheit an. Die gehandicapte Frau bedauert, dass sie auf vieles verzichten muss.

“Ich bin noch jung und will leben, auch wenn ich im Rollstuhl sitze.”

Gudrun Flor-Loner, Invaliditätsrentnerin

Aber ihr Bedauern hält nicht lange an. Es weicht schnell der Dankbarkeit. Denn ihr ist bewusst, dass das Leben ihr mehrmals eine neue Chance gab. 2019 wäre Gudrun beinahe abermals an einer Blutvergiftung gestorben. „Meine Tochter fand mich bewusstlos und mit hohem Fieber im Bett. Hätte sie mich eine Viertelstunde später gefunden, wäre ich tot gewesen.“ Die Ärzte waren überrascht, dass Gudrun durchkam und beeindruckt von ihrem starken Lebenswillen. „Ich bin noch jung und will leben, auch wenn ich im Rollstuhl sitze. Das Leben ist trotzdem schön. Ich kann atmen, sehen, hören, riechen, schmecken und denken.“

Gudrun bezeichnet sich selbst als Lebemensch. „Ich lasse nix anbrennen.“ Mit ihrem Mann Peter, der ihr – neben den Kindern – eine große Stütze ist, fährt sie gerne ab und zu in den Urlaub. Auch im Dart-Club und auf dem Fußballplatz ist Gudrun öfters anzutreffen, weil ihre Enkelin Emilia für den FC Lustenau spielt.

Ein Leben lang gekämpft

Die Enkelkinder schenken der Invaliditätsrentnerin immer wieder freudvolle Momente. „Es wäre schön, wenn ich sie aufwachsen sehen könnte.“ Aber niemand, auch die Familie nicht, kann sie vor den dunklen Augenblicken schützen. „Dann frage ich mich, warum ich mein ganzes Leben kämpfen und so viel leiden musste.“ In diesen Momenten bezweifelt sie auch, dass Gott existiert. „Wenn es ihn gäbe, dann ließe er nicht so viel Unglück zu.“ Je mehr ihr das Schicksal auferlegte, desto mehr schwand ihr Glaube an Gott. „Mir ging es so oft schlecht. Wo war er da? Nirgends.“