Masterplan für Bregenz-Mitte liegt am Tisch

Vorarlberg / 02.07.2021 • 14:45 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Masterplan für Bregenz-Mitte liegt am Tisch
Diese Visualisierung zeigt Bregenz-Mitte in 20 Jahren. Baumschlager-Eberle

Pläne sehen eine Tieferlegung der Landesstraße vor. In den nächsten 20 Jahren könnte Wohnraum für 6000 Menschen geschaffen werden.

Bregenz Bis zuletzt wurde an den Plänen gearbeitet. Eine hochkarätig besetzte Architektengruppe beschäftigt sich seit Ende Jänner intensiv mit der Ausarbeitung eines Masterplans für Bregenz-Mitte. Die Ergebnisse liegen jetzt vor. „Alles wird anders“, fasst Andreas Stickl, Sprecher der Arbeitsgruppe, in wenigen Worten zusammen. Der Masterplan, der heute um 14 Uhr der Öffentlichkeit präsentiert wurde, zeichnet ein völlig neues Bild des Stadtzentrums. „Es ist dies die letzte Chance für eine echte Änderung“, sagt Architekt Erich Steinmayr im Gespräch mit den VN. Als eine der wesentlichen Maßnahmen gilt die Tieferlegung der Landesstraße entlang der Bahntrasse. Nach dem Citytunnel bis kurz vor die HTL Bregenz verläuft sie nach den Vorstellungen der Architekten als Tunnel unter der Erde. Der Plan sieht zu einem späteren Zeitpunkt optional auch eine Unterflurtrasse der Bahn vor. Voraussetzung für das Funktionieren des Masterplans sei dieses Vorhaben jedoch nicht. Erste Reaktionen auf die Studie fallen positiv aus.

Auf diesem Bereich liegt der Fokus

Als Betrachtungsgebiet liegt der Fokus der Arbeitsgruppe auf einem Bereich von der HTL Bregenz bis zum ehemaligen Forum-Hochhaus sowie vom Weiherviertel bis zur Seekante (mit Abgrenzung Fußballstadion bzw. Schwimmbad). „Wir halten diese Bereich für städtebaulich zusammenhängend und mit einem enormen Entwicklungspotenzial ausgestattet“, heißt es seitens der Architekten. Den aktuellen Plänen und Überlegungen zu den Baufeldern Bahnhof, Seequartier und Seestadt stehen die Experten skeptisch gegenüber. „Trotz der bestehenden vertraglichen Ausgangssituation halten wir diese für kurzsichtig und dem Potential dieser qualitativ hochwertigen Lage nicht entsprechend.“ Ebenso fehle eine Entwicklungsperspektive für die seeseitig der Bahn gelegenen Flächen, die derzeit hauptsächlich als Parkflächen genutzt werden.

Masterplan für Bregenz-Mitte liegt am Tisch
Masterplan: So könnte Bregenz in fünf Jahren aussehen. Baumschlager-Eberle

Diese Ziele werden mit dem Masterplan verfolgt

  • das Heranführen des Stadtraumes an den See, verbunden damit die Anhebung der räumlichen Qualität der gewachsenen Stadtbereiche
  • der Brückenschlag zu den Bezirken im Westen mit verbesserter Anbindung der Seeanlagen und des Festspielbezirkes
  • die Transformation von einer Auto-Stadt in einen öffentlichen Raum der Fußgänger, Radfahrer sowie des ÖPNV
  • Verlegung des Wachstums der Stadt von den Randbezirken in den zentralen Stadtraum

So soll es funktionieren

Die Architekten haben neue Baufelder definiert, wobei der öffentliche Raum die eigentliche Priorität genießt. Die Stadtgestalt generiere sich aus den definierten Straßen und Platzräumen, schreibt die Arbeitsgruppe im Masterplan. Ein Schwerpunkt liegt auf Sichtachsen zum See, sowohl historischen wie auch neu definierten. Die Überlegungen sind auf einer Zeitleiste festgehalten. In einem ersten Schritt – nach fünf Jahren – sind 14 Baufelder abgebildet. Der Endausbau nach 20 Jahren mit dem Szenario einer Unterflur-Bahntrasse sähe 28 neue Baufelder (im Mittel zwischen 50 und 70 Meter) vor. Die Bebauung sieht einen hohen Wohnanteil vor. Zusätzlicher Wohnraum für bis zu 6000 Menschen könnte entstehen. Die Architekten gehen insgesamt von einer neutralen Nutzung aus, schreiben eine durchgehende Raumhöhe von 4,5 Metern in der Erdgeschoßzone vor. So soll eine öffentliche und gewerbliche Nutzung sichergestellt werden. Die Gebäudehöhe ist mit rund 35 Metern limitiert.

Ein grünes Bregenz

Das Gesicht der Innenstadt wäre ein anderes. Neue Grünräume würden entstehen. „Durch die Realisierung der Unterflurvariante der Landesstraße, insbesondere auch noch durch die Untertunnelung der Bahntrasse, kann der Park am See einschließlich des Festspielbezirkes direkt mit dem bebauten Stadtraum, insbesondere mit den Bauten des Kulturbereiches, zu einem hochwertigen Landschaftsbereich vernetzt werden. Nach dem Absenken der Bahntrasse ist der Park bis zum Festspielbezirk ausweitbar“, heißt es in den Erläuterungen des Masterplans weiter.

Vorrang für Fußgänger und Radfahrer

Die Studie beschäftigt sich auch im Detail mit dem Verkehr. Wörtlich heißt es: „Alle oberirdischen Verkehrsflächen sind dem Fuß- und Radverkehr untergeordnet und im Wesentlichen nur noch für den Busverkehr, die Anlieferung bzw. Entsorgung sowie für den Einsatzverkehr vorgesehen. Die Verknüpfung mit den angrenzenden Stadtgebieten muss gewährleistet sein und folgen dem Prinzip des ‚Shared Space‘. Der unterirdische Verkehr umfasst eine Straße für PKW und LKW und deren Anbindung zur Reichsstraße, zur Montfortstraße sowie zum Weiherviertel, dem City-Tunnel und in Richtung Vorkloster. Diese Straße wird entlang der Bahntrasse geführt und von ihr sind alle notwendigen Parkebenen erschlossen“, heißt es weiter.

Bahnhofsgebäude mit sechs bis sieben Stockwerken

Der Bahnhof selbst bleibt, wie die VN bereits berichteten, auch im Masterplan am bestehenden Standort. Dieser wird als richtig erachtet. Gleichzeitig weisen die Architekten aber darauf hin, dass die Konzeption eine Erweiterung sowie einen Umbau zu einer zukünftig unterirdischen Bahnstation gewährleisten müsse. „Aus städtebaulicher Sicht sollten die Bahnhofsfunktionen zudem in einem dominanteren und höheren Gebäude integriert sein, das aus der zukünftigen Stadtsilhouette entwickelt wird“, heißt es weiter.

Bei einer Pressekonferenz in Bregenz wurden die Ergebnisse der Expertengruppe der Öffentlichkeit präsentiert. <span class="copyright">VN/Hartinger</span>
Bei einer Pressekonferenz in Bregenz wurden die Ergebnisse der Expertengruppe der Öffentlichkeit präsentiert. VN/Hartinger

Positive Reaktionen auf die Pläne

Erste Reaktionen zu den Plänen sind durchwegs positiv. Sowohl die Investoren als auch die ÖBB wollen sich den Überlegungen jedenfalls nicht verschließen. „Die Architektengruppe hat einen städtebaulich guten Entwurf präsentiert“, sagt Werner Baltram von der ÖBB-Infrastruktur. Statt einer Unterführung sei eine Überführung vorgesehen. Mit einem breiten Übergang, wie einem Boulevard, könnte der Bahnhof als Eintritt in die Stadt wirken. Es gelte jetzt aber in einem nächsten Schritt auch die technische und wirtschaftliche Machbarkeit zu prüfen. Zudem brauche es ein klares Bekenntnis der Stadtvertretung zum Vorhaben. „Die Gespräche, die ich mit den Investoren führen konnte, waren auch sehr positiv. Sie sind ebenfalls gewillt, dass wir uns gemeinsam dem Projekt nicht verschließen“, sagt Baltram.

Kosten dürfen nicht in die Höhe gehen

Landeshauptmann Markus Wallner sagt: „Aus Landessicht ist die Entscheidung für den Bahnhof das allerwichtigste. Da läuft die Zeit ab. Das heißt sowohl die Stadt, als auch das Land, als auch die ÖBB müssen zu einer Entscheidung kommen wie die Umplanung allenfalls vonstatten geht und wie die Kostenteilungen sind. Die Grundlage ist ja die: Umplanungen sind möglich und denkbar. Zu entscheiden ist Über- oder Unterführungsvarianten und natürlich auch dürfen die Kosten nicht nach oben gehen für die Beteiligten.“

Das sagen die Investoren

„Architekt Dietmar Eberle hat Projekt ausgearbeitet und überzeugend präsentiert. Als Projektbeteiligte finden wir die in dieser Form präsentierte Vision für Bregenz toll. Doch wichtig für uns ist, dass jetzt eine technische, wirtschaftliche und rechtliche Prüfung stattfindet, dass Stadt Bregenz und Land Vorarlberg alle Aspekte auf Realisierung abklopfen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sind wir gerne dabei, dann kann man die nächsten Schritte gehen. Da sind wir uns auch mit den Projektbetreibern der Seestadt einig. Das ist jetzt eine einmalige Chance für Bregenz, die es zu nützen gilt”, Joachim Alge, i+R, Seequartier-Projektbetreiber

„Der Masterplan, der am Freitag präsentiert wurde, hat eine ordentliche Flughöhe, immerhin geht es um 400.000 Quadratmeter Fläche in Bregenz Mitte, die einmal Platz für rund 6000 Menschen bieten soll. Für uns ist dabei wesentlich, wie der Mobilitätspunkt, also der Bahnhof, gestaltet wird, darauf muss größten Wert gelegt werden. Ob Unterflur oder anders, das ist eine politische Frage, die in den entsprechenden Gremien wie der Stadtvertretung am 15. Juli entschieden werden muss. Wir sehen dem Plan grundsätzlich positiv und werden bei den weiteren Schritten sehr kooperativ mitarbeiten. Was noch fehlt sind die Grundlagen für eine weitere Realisierung, die zu erarbeiten ist eine öffentliche Aufgabe. Angesichts der Größe des Projektes muss man auch die Nutzung und das soziale Leben in diesem neuen Quartier städteplanerisch berücksichtigen. Ein international ausgeschriebener städteplanerischer Wettbewerb wäre aus unserer Sicht in Betracht zu ziehen”, so Bernhard Ölz, Prisma, Seestadt-Projektbetreiber.

“Die Zukunft beginnt jetzt”

„Mit dem Masterplan Bregenz-Mitte ist das Motto klar: jetzt beginnt die Zukunft. Offensichtlich sind alle Eigentümer und die ÖBB bereit jetzt noch einmal zu beginnen und alles was in der Vergangenheit war zu vergessen. Für Bregenz ist es eine Chance, die es so noch nie gab. Wir bekommen die Möglichkeit in 20 Jahren um 20 Prozent zu wachsen. Das ist der Treibstoff, den eine Stadt braucht. Sowohl die Mobilität als auch das Leben erhalten eine ganz neue Qualität“, Michael Ritsch, Bürgermeister.

Mitarbeit: Andreas Scalet, Michael Prock

Masterplan für Bregenz-Mitte liegt am Tisch
Masterplan Bregenz-Mitte mit Bahngleisen. So könnte Bregenz in zehn Jahren aussehen.
Masterplan für Bregenz-Mitte liegt am Tisch
Masterplan Bregenz-Mitte mit Unterflurtrasse der Bahn. Architektengruppe Bregenz-MitteSo könnte Bregenz in 20 Jahren aussehen.