Das Heimweh einer Auswanderin

Vorarlberg / 31.07.2021 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ingrid Winkler weiß aus eigener Erfahrung, dass der Neustart in einem fremden Land schwer ist. <span class="copyright">VN/kum</span>
Ingrid Winkler weiß aus eigener Erfahrung, dass der Neustart in einem fremden Land schwer ist. VN/kum

Ingrid Winkler (43) wanderte vor 18 Jahren der Liebe wegen von Rumänien nach Vorarlberg aus.

Bludesch Die Heimat freilich, die spielt nach wie vor eine große Rolle im Leben der Rumänin. „Ich bin wie ein Baum. Den Stamm und die Äste habe ich hier, in Vorarlberg. Die Wurzeln aber sind in meiner Heimat. Von dort hole ich mir die Nahrung, die Energie.“

Ingrid wuchs in einem Dorf nahe Bukarest auf – unter dem kommunistischen Regime von Nicolae Ceausescu. Für sie war es das Normalste der Welt, dass man um Lebensmittel anstehen musste und diese nur in begrenzter Auswahl und Zahl erhielt. Dass keine Süßigkeiten und exotische Früchte wie Bananen und Orangen zu erwerben waren.  Dass man ein Spielzeug nicht für sich allein hatte, sondern alle Kinder des Dorfes damit spielten. Dass man die Kleider der Verwandten austragen musste. Dass man aufpassen musste, was man in der Schule erzählte, weil es in jedem Dorf mindestens einen Spion gab, der das Gehörte an die Behörden weitergab. Dass man auf den großen Führer Loblieder singen und an ihn glauben musste.

Mit der Demokratie kamen die Touristen

Als der neostalinistische Diktator im Zuge der rumänischen Revolution 1989 gestürzt wurde, weinten Ingrids Eltern – eine Volksschullehrerin und ein Feuerwehrinspektor – vor Erleichterung. „Sogar wir Kinder waren froh, dass er weg war.“ Aber kaum jemand habe glauben können, „dass wir frei sind und jeder sagen darf, was er will“. Mit der Demokratie kamen die Touristen. „Wir Kinder winkten ihnen zu. Sie warfen uns aus ihren Autos Kaugummis und Bonbons zu. Beides kannten wir nicht.“

<br>Ingrid und Gerd geben sich das Ja-Wort.

Ingrid und Gerd geben sich das Ja-Wort.

Weil Ingrids Eltern wussten, dass Bildung für das weitere Leben wichtig ist, schickten sie sie und ihren Bruder Edmund aufs Internat und später an die Uni. Ingrid studierte in Bukarest Gartenbau und schloss das fünfjährige Studium als Diplomingenieurin ab. Nach einem Studienaufenthalt in England lernte sie über ihre Cousine, die seit der Heirat mit einem Vorarlberger im Ländle lebt, Gerd kennen, einen Oberländer. Zwischen den beiden sprang der Funke über. In Vorarlberg weitete er sich zum lodernden Feuer aus. „Gerd bat mich, ihn in seine Heimat zu begleiten. Ich tat es, um ihn besser kennenzulernen.“ Nur zwei Monate später, im Oktober 2003, heiratete das Paar.

In der Fremde viel vermisst

Die ersten Jahre in Vorarlberg waren für Ingrid nicht leicht. „Für mich waren es zu viele Veränderungen auf einmal.“ Vieles machte Ingrid, die zuletzt in der Millionenstadt Bukarest gelebt hatte, am Anfang zu schaffen: die Beschaulichkeit von Bludesch, die fremde Sprache, die Trennung von ihrer Familie und ihren Freunden, die hohen Berge. „Ich vermisste alles, die Eltern, das Großstadtleben, die Sonnenuntergänge, den Geruch der Blumen, das Konzert der Grillen, Mamas Essen und sogar die bellenden Hunde.“ Gedanklich weilte sie oft in ihrer Heimat, aber das löste Wehmut in ihr aus. „Ich war oft traurig. Aber ich behielt die Traurigkeit für mich.“

“Zu Hause, in der Heimat, fühlt man sich sicherer.”

Ingrid Winkler, Auswanderin

Ingrid, die als selbstbewusste Frau nach Vorarlberg gekommen war, fühlte sich nun nicht mehr stark. „Ich war verunsichert.“ Nachsatz: „Zu Hause fühlt man sich sicherer.“  Doch Ingrid gab nicht auf und bewies Anpassungsfähigkeit.  Zunächst suchte sie sich Arbeit. Sie arbeitete als Verkäuferin, bis sie im Jahr 2006 Mutter wurde. „Für meinen Mann und mich sind unsere zwei wunderbaren Kinder ein großes Geschenk.“ Während der Karenzzeit ließ sie sich zur Ordinationsassistentin ausbilden. Die zweifache Mutter arbeitete dann mehrere Jahre in diesem Beruf. Seit sie im Rahmen eines EU-Projekts Armutsmigranten unterstützt, fühlt sie sich beruflich angekommen. Es gefällt ihr, dass sie viele Klienten aus Rumänien hat. Ingrid engagiert sich mit Herzblut für die Notreisenden. „Diese Arbeit erfüllt mich, weil ich helfen und mich gut in sie einfühlen kann, da ich wie sie die Heimat verlassen habe.“

Ingrid mit ihrem Mann Gerd.
Ingrid mit ihrem Mann Gerd.

Die 43-Jährige bereut nicht, dass sie ausgewandert ist. Aber rückblickend würde sie einiges anders machen. „Ich würde zum Beispiel nicht mehr den Fehler machen, immer das im Fokus zu haben, was mir fehlt.“ Heute schätzt sie das, was sie anfangs störte, zum Beispiel die Beschaulichkeit ihres Wohnortes oder die Bergwelt, die in jeder Jahreszeit ein anderes Gewand trägt. Freilich: Die Heimat zählt bei ihr nach wie vor viel. Jedes Jahr reist Ingrid mit ihrer Familie für ein paar Wochen zu ihren Eltern nach Rumänien und stillt das Heimweh, das sie hin und wieder plagt.