Warten auf den Krieg
Bald wird Krieg sein, sagen sie. Vielleicht ist er schon ausgebrochen, wenn diese Zeilen gedruckt werden? Wir sind gut vorbereitet. An die Bilder von Panzern in voller Fahrt und feuernde Haubitzen haben wir uns gewöhnt. Seit Wochen wird das Publikum darauf eingeschworen: Bald wird Krieg sein. Weit weg zwar, aber er wird uns abends im Fernsehen besuchen kommen. Er wird nicht in irgendeinem Elendswinkel der Welt toben, sondern vor unserer Haustür, mit unabsehbaren Konsequenzen. Dennoch soll bald Krieg sein. Was im Krieg passiert? Das wissen wir. Menschen sterben, Zukunft wird zunichte, werden Familien ausgelöscht. Dazu dient all das Kriegsgerät, das beidseits der Grenze aufgefahren ist. Nicht, dass uns das überraschte. Ein Kontinent, der zwei Weltkriege durchlitten hat, verfügt über Erfahrung. Gut, die letzten Zeitzeugen sind hochbetagt. Bald wird es keine mehr geben. Gibt der letzte von ihnen mit seinem Tod dann den Weg frei, um wieder in den Krieg zu ziehen mit klingendem Spiel?
Nein, das würde ja voraussetzen, dass Scham existierte. Aber im Jahr 2022 genügt es noch immer, wenn eine Handvoll alter Männer entscheidet, dass jetzt geschossen wird und nicht mehr geredet. Die Welt dreht sich weiter. Irgendwer hat Geburtstag. Menschen gehen arbeiten, abends ins Theater. Und vielleicht ist Krieg. Woanders halt, was tut das schon?
Thomas Matt
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