Was selbst die Profis der Caritas ganz besonders betroffen macht

Vorarlberg / 07.03.2022 • 05:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Was selbst die Profis der Caritas ganz besonders betroffen macht
Bernd Klisch leitet seit 2015 die Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg. Er und sein Team stehen in den kommenden Wochen vor großen Herausforderungen. VN/Steurer

Flüchtlinge aus der Ukraine sind Frauen und Kinder. Sie bangen um die Männer, sind teilweise traumatisiert.

Felkdirch Bernd Klisch (58) ist bei der Caritas ein Profi, der den praktischen Zugang zur vielschichten Flüchtlingsproblematik trotz Empathie für die Betroffenen in den Vordergrund zu stellen weiß. Doch die nun ankommenden Ukraine-Flüchtlinge, die praktisch nur aus Frauen und Kinder bestehen, gehen ihm und seinen Mitarbeitern besonders ans Herz. “Das sind Menschen, die über Nacht zur Flucht gezwungen wurden und um das Leben ihrer Männer und Väter bangen.”

Wie stellt sich für die Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg die Situation rund um die ukrainischen Flüchtlinge dar?

Wir beobachten, dass es nur Frauen und Kinder sind, die zu uns kommen, ihre Ehemänner und Väter zurücklassen mussten und um deren Leben bangen. Das alles macht auch uns Profis tief betroffen und erschüttert uns. Diese Situation hat sich innerhalb einer Woche ergeben. Bei anderen Flüchtlingen gab es stets eine Vorlaufzeit. Wobei ich eines sagen möchte: Flüchtlinge sind für uns immer Flüchtlinge, egal wie die Umstände sind. Im aktuellen Fall bemerken wir eine riesige Bereitschaft bei der Bevölkerung, zu helfen.

Wovon gehen Sie für die nächsten Tage und Wochen aus?

Der aktuelle Stand ist: Die ersten Flüchtlinge sind angekommen. Die Caritas hat ein gutes Dutzend Familien aufgenommen. Im privaten Bereich wurden mehrere Geflüchtete von Verwandten und Freunden beherbergt, die in Vorarlberg leben. Es gibt keinen offiziellen Aufteilungsschlüssel bei den Flüchtlingen. Wir warten jetzt auch noch auf deren rechtliche Einordnung bei uns in Österreich. Natürlich gehen wir davon aus, dass noch weitere Familien kommen werden. Wir von der Caritas haben noch Kapazitäten und auch das Land schafft solche. Wir stellen uns darauf ein, dass bald viele Flüchtlinge kommen werden, die keinen Bezug zu Vorarlberg haben. Das wird die Herausforderung.

Ein Beispiel für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen durch Bekannte und Verwandte ist die Familie Markotenko in Götzis. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Ein Beispiel für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen durch Bekannte und Verwandte ist die Familie Markotenko in Götzis. VN/Paulitsch

Sie hatten am Samstag eine Krisensitzung. Worum ging es da?

Es ging darum, dass die Caritas bundeseit die Hilfsmaßnahmen gut abstimmt. Es war ein wichtiger Informationsaustausch. Wir haben erörtert, was alles auf die Caritas-Flüchtlingshilfe in nächster Zeit zukommen wird.

Wie gut ist die Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg vorbereitet?

Grundsätzlich sind wir gut organisiert, auch wenn einiges noch im Entstehen ist. Wir verfügen über klare Strukturen. Diese umfassen unter anderem E-Mail-Adressen für Informationen und eine Liste von Anlaufstellen; wo man Unterkünfte suchen kann, aber auch welche anbieten kann; ebenfalls eine Anlaufstelle für Sachspenden.

Haben Sie auch Dolmetscher für die ankommenden Menschen aus der Ukraine?

Ja, das haben wir, und der Bedarf wird steigen. Es haben sich schon Ukrainer bei uns gemeldet, die diesbezüglich helfen wollen. Wie gesagt: Die Bevölkerung hilft uns derzeit schnell und auf allen Ebenen. Allerdings wird es einen langen Atem brauchen, denn diese Krise ist sicher nicht in ein, zwei Wochen vorbei.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den privaten Helfern und Quartiergebern?

Wie gesagt: Es sind ganz viele, die helfen wollen, die Telefone laufen heiß. Wir nehmen alles auf und sagen den Leuten, dass wir uns bei ihnen melden werden, wenn wir sie brauchen. Alle Hilfsangebote werden gesammelt. Auch das Rote Kreuz und der Gemeindeverband sind in die koordiierten Hilfsaktivitäten miteingebunden. Es gibt eine gute Aufgabenverteilung.

Wie geht die Caritas mit traumatisierten Menschen um?

Man muss zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen posttraumatischen Symptomen und Menschen, die sehr niedergeschlagen und traurig sind, unterscheiden. Erstere brauchen professionelle Hilfe. Bei den vielen anderen ist es wichtig, einfach nur zuhören zu können und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind.

Was sind die wichtigsten Dinge, die die Flüchtlinge jetzt brauchen?

Es ist sehr wichtig, sie bald in die Lage zu versetzen, dass sie selbst für sich und ihre Kinder sorgen können. Dass sie ein selbständiges Familienleben führen können. Wichtig ist auch der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Das hilft im übrigen beiden.

Worin bestehen die größten Unterschiede zur Flüchtlingsbewegung 2015?

Da gibt es einige: das Tempo der entstandenen Situation, die Betroffenheit der einheimischen Bevölkerung, die Tatsache, dass 2015 hauptsächlich Männer kamen und dieses Mal Frauen und Kinder, der Zugang zum Arbeitsmarkt.

Caritas Flüchtlingshilfe

Unterkünfte anbieten: unterkunft@ukraine@vorarlberg.at

Unterkünfte suchen: fluechtlingshilfe@caritas.at

BürgerInnen, die Hilfe leisten möchten bzw. Hilfe benötigen – etwa Sachspenden, Dolmetsch-Tätigkeiten, Rechtsberatung etc.: hilfe.ukraine@vorarlberg.at