Vom Leben gezeichnet

Vorarlberg / 04.04.2022 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Vom Leben gezeichnet
Mit dem Gedankengut des Buddhismus kann das Gewaltopfer viel anfangen. kum

Als Kind wurde Silvia über Jahre verprügelt. Später wurde sie psychisch krank.

Schwarzach Silvia (Name geändert) ist eine Überlebende. Die 44-Jährige ist rückblickend froh, dass ihre drei Suizidversuche scheiterten. „Wenn an einem Frühlingstag die Sonne aufgeht und die ersten Blumen sprießen oder deine Enkelkinder dich mit großen, unschuldigen Augen anschauen, dann weißt du, wofür es sich zu leben lohnt.“

Schon als Kind lernte Silvia die Widrigkeiten des Lebens kennen. „Meine Mutter litt an schweren Depressionen. Deswegen entzog ihr das Jugendamt die Kinder.“ Die Großmutter nahm Silvia, die gerade ein Jahr alt war, und ihre drei Geschwister auf. „Oma tat alles für uns Kinder. Sie war unser Halt, unser Anker, unsere Stärke.“ Aber sie hatte einen Mann, der alkoholkrank war. „Wenn unser Stief-Opa um 17 Uhr betrunken von der Arbeit heimkam, verzogen wir uns in unsere Zimmer. Wir waren sehr leise, damit er nicht wusste, dass wir da sind.“ Der Stief-Opa flößte den Kindern große Angst ein. Denn: „Wenn er alkoholisiert war, verprügelte er uns mit einem Holzknüppel oder mit dem Teppichklopfer.“ Er hatte zwei Gesichter. „Wenn er nüchtern war, war er der liebste Mensch. Er ging mit uns Skifahren und in den Urlaub.“

Von Panikattacken gepeinigt

Silvia und ihre Geschwister waren den Misshandlungen jahrelang ausgesetzt. „Das Jugendamt stand zwar vor unserer Tür, gab aber auf, weil man die Tür vor seiner Nase zuschlug.“ Als Silvia 14 Jahre alt war, starb ihr Stief-Opa an Krebs. „Ich brauchte ein Jahr, bis ich realisierte, dass ich um 17 Uhr keine Angst mehr zu haben brauchte und ich zu zittern aufhören konnte.“

Gewalt bestimmte auch später das Leben von Silvia. Mit 17 wurde sie von einem Mann schwanger, der sie in der Schwangerschaft krankenhausreif prügelte. Damals erlebte sie ihre erste Panikattacke. „Ich glaubte, ich müsste ersticken.“ Die Panikattacken sind bis heute nicht aus ihrem Leben verschwunden. „Sie kommen, wenn ich mich schlafen lege.“

Mit 19 wurde Silvia abermals schwanger. „Als ich im dritten Monat war, hat mich dieser Mann wegen einer anderen Frau verlassen.“ Schließlich lernte sie ihren Ehemann in spe kennen. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder. Die Ehe scheiterte nach zwölf Jahren. „Mit jedem Partner, den ich hatte, kam bei mir eine neue Krankheit dazu.“

In den schwersten Stunden zu Gott gefunden

Als junge Frau hatte Silvia ständig Kopfweh und dunkle Gedanken. „Man diagnostizierte Depressionen.“ Später kam eine Angststörung hinzu. „Ich sah überall Gefahren und war ständig in Alarmbereitschaft. Ich traute mich nicht mehr Bus oder Zug zu fahren. Wenn es bei mir an der Tür klingelte oder das Telefon läutete, bekam ich Panik, weil ich dachte, dass mein Leben bedroht wäre.“ Aus der Depression entwickelte sich vor fünf Jahren eine bipolare Störung. „Eine Woche bin ich himmelhochjauchzend, dann geht es abwärts mit mir und ich liege nur noch weinend herum.“ Aufenthalte in der Psychiatrie und Sitzungen beim Psychiater gehörten zu ihrem Leben wie das tägliche Brot.

Nach einem Suizidversuch fand Silvia „in den schwersten Stunden“ zu Gott. „Ich bete viel und bedanke mich bei Gott für das, was ich habe.“ Silvias letzter Suizidversuch liegt drei Jahre zurück. „Das Leid war unerträglich geworden.“ Aber seit drei Jahren, seit Herbert (Name geändert) an ihrer Seite ist, geht es ihr merklich besser. „Dieser Mann tut mir gut.“

“Wenn ich einer alten Frau die Einkaufstasche zum Auto tragen kann, ist das Balsam für meine Seele. Das baut meine Seele auf. Da vergesse ich alles, was ich erlebt habe.”

Silvia, Gewaltopfer

Freude bereitet ihr auch die Arbeit bei der Hilfsorganisation Tischlein deck dich. Jeden Dienstagnachmittag gibt Silvia, die seit zwei Jahren Invalidenrentnerin ist, Lebensmittel aus. „Jeder kommt, weil er Hunger hat. Viele brauchen aber auch ein Lächeln, tröstende Worte und eine Umarmung. Schon mit einer kleinen Geste kann man ihre Welt erhellen.“ Die Teamleiterin tut gerne Gutes. „Wenn ich einer alten Frau die Tasche zum Auto tragen kann, ist das Balsam für meine Seele. Das baut meine Seele auf. Da vergesse ich alles, was ich erlebt habe.“

Silvia, die einmal 125 Kilo auf die Waage brachte und seit einer Magenbypass-OP schlank ist, musste in ihrem Leben schon viele Tiefpunkte überwinden. Im Jahr 2007 passierte etwas, das bis heute in ihr Leben hineinwirkt. „Ich war damals schwanger und bin auf dem Gehsteig zusammengebrochen, weil mein Kreislauf versagte. Ich schlug mit dem Kopf auf und erlitt einen Schädelbruch. Seither habe ich keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr. Es ist, als ob ich Papier essen würde.“ Silvia lag oft am Boden. Aber sie rappelte sich immer wieder hoch. Darum kann sie heute ohne Umschweife sagen: „Das Leben hat mich zu einem starken und sehr mitfühlenden Menschen gemacht.“

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