Gleich gültig

Gleichgültig heißt zunächst nur, dass die Dinge gleich gültig sind. Nicht richtig oder falsch, nicht mehr oder weniger wert, eben etwa gleich. Und waren sie vorher noch so bedeutsam, steigen sie so herab in die Niederungen unseres Alltags, zu den unbezahlten Rechnungen und dem Hund, der noch vor die Tür muss. Ihre Konturen verschwimmen und allmählich verschwinden sie ganz.
Dem Krieg in der Ukraine droht dasselbe Schicksal. Es gibt keine versenkten Schlachtschiffe mehr zu vermelden, keine explodierenden Super-Panzer. Massaker hatten wir schon. Das klingt zynisch, aber das Mitleid wird kleiner, das große Entsetzen ist gewichen.
Dafür gibt es gute Gründe. Selbstschutz ist einer davon. Die Erregung als Normalzustand halten wir nicht aus. Sind wir doch ohnedies vollauf mit uns beschäftigt: Wie hoch werden die Preise klettern? Werden wir diesen Winter heizen können? Kriegen wir die Inflation in den Griff? Im Übrigen wirkt jedes harmlose Titelbild wie Balsam: Rekorde in Götzis, Badewetter, Frühlingsfeste, Tierbabys. Das ist vielleicht banal. Aber es tut gut.
Fast scheint es, als klängen die Durchhalteappelle des ukrainischen Präsidenten immer weiter weg. Sollte er eines Tages kapitulieren müssen, dann vor den russischen Invasoren und der Aufmerksamkeitsspanne der restlichen Welt, die gerade unaufhaltsam in die Knie geht. Vor unserer Gleichgültigkeit.
Thomas Matt
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