Innerfratte kämpft weiter um Bahnverlängerung nach Gaschurn

Vorarlberg / 06.06.2022 • 12:00 Uhr
Auf der L 188 herrscht meistens viel Verkehr. <span class="copyright">MAB</span>
Auf der L 188 herrscht meistens viel Verkehr. MAB

Gaschurn und St. Gallenkirch beschließen das 9. Mittelfristige Investitionsprogramm nur widerwillig und mit einer Zusatzvereinbarung, nachdem sie es zuerst abgelehnt hatten. Die Bahnverlängerung wird in ihren Augen im 9. MIP zu wenig berücksichtigt.

Gaschurn, St. Gallenkirch Warum für etwas zahlen, von dem man keinen wirklichen Nutzen hat? Das fragte sich die Innerfratte, als sie das 9. Mittelfristige Investitionsprogramm (MIP) vor den Latz geknallt bekam. Zufrieden war mit dem 9. MIP der Montafonerbahn keiner im Inneren Montafon. Zu wenig wurde die gewünschte Bahnverlängerung nach Gaschurn berücksichtigt.

Nachdem St. Gallenkirch und Gaschurn zunächst das 9. MIP abgelehnt hatten, gab es etliche Beratungen in den Ausschüssen und Gespräche zwischen dem Stand Montafon und den Bürgermeistern Josef Lechthaler und Daniel Sandrell mit dem Ergebnis, dass es nun eine Zusatzvereinbarung gibt, die von allen Montafoner Bürgermeistern unter Vorbehalt, dass auch die Innerfrattner Gemeinden zustimmen, abgesegnet worden ist. Diese Zusatzvereinbarung ist ein Kompromiss und „nicht die beste Lösung“, sagte Gaschurns Bürgermeister Daniel Sandrell auf der gemeinsamen Gemeindevertretungssitzung mit St. Gallenkirch.

Mahnruf Richtung Stand Montafon

Dass die beiden Gemeinden dem 33 Millionen Euro schweren MIP nur mit einer Zusatzvereinbarung zugestimmt und zunächst abgelehnt haben, soll ein Mahnruf Richtung Stand Montafon sein, denn sie wollen sich nicht länger abspeisen lassen. Das Thema Bahnverlängerung müsse endlich Fahrt aufnehmen, sind sich die beiden Bürgermeister einig. „Wir wollen Druck aufbauen. Beim 10. MIP müssen die nicht mehr mit uns rechnen“, sagte Daniel Sandrell.

„Ich bin sehr froh, dass wir dem MIP jetzt mehrheitlich zugestimmt haben. Der Ausgang der Abstimmung war so wie erwartet. Alle konnte man nicht von solch komplexen Kompromissen überzeugen. Ich erwarte mir jetzt die Einhaltung der Vereinbarungen mit Land und Stand, eine schnelle Umsetzung der Lösung in Lorüns und eine aktive Information sowie Diskussion im ganzen Tal über die Bahnverlängerung. Für ein 10. MIP muss erreicht werden, dass der ungerechte Finanzierungsanteil der Talschaftsgemeinden entfällt.“

Josef Lechthaler, Bürgermeister Gemeinde St. Gallenkirch

Für einige Gemeindevertreter war die Formulierung in der Zusatzvereinbarung immer noch nicht zufriedenstellend, weshalb insgesamt sieben Gemeindevertreter (vier aus Gaschurn, drei aus St. Gallenkirch) gegen das MIP stimmten. Anton Feichtner wünscht sich einen kompletten Vollausbau von Gaschurn bis Bregenz, weshalb er die Formulierung „mögliche Bahnverlängerung“ zu schwammig findet und deshalb das 9. MIP klar verneint. Auch Norbert Marent verweigerte seine Zustimmung: „Meine Stimme ist nicht dabei, für Lorüns und Tschagguns allein schon, aber nicht für das ganze Paket.“

Josef Lechthaler zeigte Verständnis: „Ich verstehe, dass es einigen nicht in den Kram passt, aber wir müssen Kompromisse eingehen, sonst können wir noch den ganzen Abend an den Formulierungen herummatschen.“ Für Johannes Sturm sind es ganz schön viele „Zwangskompromisse“, aber Lorüns sei ein „Prestigeprojekt in diesem MIP“, weshalb es von ihm ein „ganz klares Ja“ gibt.

Thema Schnellbus heiß diskutiert

Beim Thema Schnellbus waren sich die Gemeindevertreter uneins. Für manche wären die Schnellbusse bis Tschagguns eine gute, zeitsparende Lösung für die Zwischenzeit, andere wie Gabi Juen sehen die Schnellbuslösung aber kritisch, da der Schnellbus nicht schneller fahren kann als der Verkehr auf der L 188. Auch die Tram-Train sei laut Andrea Schönherr keine Lösung, da man hier umsteigen müsste. Daniel Fritz ist froh, „dass das MIP abgeschmettert wurde. Das Verkehrsproblem fängt in Lorüns an und hört in Partenen auf“. Man müsse alternative Verkehrsformen anbieten, um die Abwanderung junger Menschen aus dem Tal zu verhindern und die Straße zu entlasten. „Und dafür fällt mir nur die Bahn ein“, sagte er. „Der Ambitionslosigkeit ist es zu verdanken, dass das Bahnthema unterm Tisch gefallen ist.“

Vorwürfe gegen Schruns

Schruns würde die Bahnverlängerung sabotieren, fügte Daniel Friz an. „Ich verstehe die Position von Schruns überhaupt nicht.“ Die Innerfrattner Bürger würden auch nach Schruns zum Einkaufen fahren, ergo profitiere Schruns von einem Bahnausbau. Auch Andrea Schönherr ist der Meinung: „Vom Stand ist die Bahnverlängerung nicht erwünscht.“ Wichtige Grundstücke für die Bahnverlängerung in Schruns wurden bereits vor fünf, sechs Jahren verbaut, warf Jürgen Boden ein. Die Gemeindevertretung war überzeugt davon, dass die Außerfratte wenig Interesse an einer Bahnverlängerung hätte.

„Klar ist, es braucht eine öffentliche Verkehrslösung für das Montafon. Die Verkehrsüberlastung am Taleingang ist speziell im Winter enorm und führt zu Verzögerungen bis in den Raum Schruns. Da nun die fünf Varianten zur Entlastung der Verkehrssituation auf dem Tisch liegen, können wir endlich in konkrete Verhandlungen mit den relevanten Akteuren treten – also dem Stand Montafon und dem Bund. Wie sich zeigt, schält sich aus den untersuchten Varianten kein eindeutiger Favorit heraus. Es gilt daher, die unterschiedlichen Interessen (Finanzierungsaufwand, Umsetzungszeitraum, Eingriffe in die Landschaft etc.) sorgfältig gegeneinander abzuwägen.“

Daniel Zadra, Landesrat Vorarlberg

Keine feine Vorgehensweise

Viele waren über die Vorgehensweise, wie der Stand das MIP beschließt, wütend, denn erst wenn der Stand das MIP bereits genehmigt hat, wird dieses den Gemeindevertretungen pro forma vorgelegt. „Das Problem beim Stand ist, dass alles hinter verschlossenen Türen beschlossen wird“, kritisierte Daniel Fritz. Andrea Schönherr fügte an: „Wir wurden vor vollendeten Tatsachen gestellt.“
Jürgen Boden mahnte zur Vorsicht: Im Falle einer Bahnverlängerung wären „alle Gemeinden gegen uns, wenn wir jetzt dem MIP nicht zustimmen. Wir können es nur mit denen da draußen schaffen. Wenn wir ihnen jetzt das Geld verwehren, verwehren die uns das Geld für unsere Projekte.“ Effektiv muss St. Gallenkirch knapp 27.000 Euro und Gaschurn rund 21.500 Euro zahlen.

Mitglied im Aufsichtsrat der mbs

Da die Ortsumfahrung Lorüns Priorität hat, sei es unrealistisch, dass andere größere Projekte in Angriff genommen werden. Auch der zweigleisige Ausbau in St. Anton/ Vandans „fällt wahrscheinlich Lorüns zum Opfer“, so Josef Lechthaler. Eine mögliche Bahnverlängerung dauert sowieso 15 bis 20 Jahre und das jetzige MIP ist nur bis 2025 gültig. „Bis dahin haben wir noch nicht mal ein Konzept erstellt“, sagte Gregory Netzer. Damit in Zukunft auch die Innerfratte bei Entscheidungen mitreden kann und informiert ist, wird Daniel Sandrell als politischer Vertreter der Innerfratte in den Aufsichtsrat der Montafonerbahn bestellt.

„Ich bin mir sicher, dass es einen neuen Anlauf braucht, um eine schnelle, attraktive und durchgängige Mobilitätsachse im Montafon zu realisieren. Dies wird nur funktionieren, wenn wir auch in Zukunft alle an einem Strang ziehen, klare Ziele formulieren, die Bevölkerung viel stärker mit einbeziehen und informieren. Die Zustimmung zum 9. MIP war mehrheitlich nur möglich, da eine Zustimmung aller Bürgermeister gegeben wurde, die Priorisierung der Projekte umzureihen und sich aktiv der Bahnverlängerung ins Innere Montafon anzunehmen. Auch ist es uns sehr wichtig, dass die ortsnahe Umfahrung Lorüns mit Niveaufreimachung Alma-Kreuzung so rasch wie möglich umgesetzt wird, da immer längere Fahrzeiten die gesamte Region nicht attraktiver machen. Nun müssen wir handeln und den Bedürfnissen der Bevölkerung nachkommen, andernfalls kann ich mir eine Zustimmung der Gemeinde Gaschurn zum 10. MIP nicht vorstellen.“

Daniel Sandrell, Bürgermeister Gemeinde Gaschurn

Zusatzvereinbarung:
Die Maßnahmen des 9. MIP wurden neu priorisiert.

1. Niveau-Freimachung der Alma-Kreuzung (ohne Schrankenanlage) mit ortsnaher Straßenumlegung Lorüns.

2. Bahnhofsausbau Tschagguns inkl. einer Park & Ride Möglichkeit sowie der Anschlussmöglichkeit für eine Schnellbuslinie unter Berücksichtigung einer möglichen Bahnverlängerung ins Innere Montafon.

3. Umbau des Bahnhofs St. Anton im Montafon und zweigleisiger Ausbau vom Bahnhof St. Anton bis zum Bahnhof Vandans.

4. Bahnhofsadaptierung in Schruns zur Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen.