“Ich wäre im KZ gelandet, wenn man mich erwischt hätte”

Vorarlberg / 09.06.2022 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Irma Bischof schüttete ihrem Onkel Michl heiße Milch über  den Arm. "Wir wollten nicht, dass er an die Front zurück muss."
Irma Bischof schüttete ihrem Onkel Michl heiße Milch über den Arm. "Wir wollten nicht, dass er an die Front zurück muss."

Als junge Frau setzte Irma Bischof (95) ihr Leben aufs Spiel. Im Krieg verköstigte sie über Monate Deserteure, darunter ihren Onkel Michl.

Schruns Die Eltern von Irma Bischof (95) durften ihre Liebe nicht leben. „Mein Vater hätte meine Mutter gerne geheiratet. Aber meine Großeltern waren dagegen, weil er Straßenkehrer war.“ Irma wuchs als lediges Kind bei den Großeltern auf, die in Tschagguns eine große Landwirtschaft betrieben. „Bis ins Erwachsenenalter dachte ich, dass sie meine Eltern sind.“ Irma war zehn Jahre alt, als ihre Mutter einen Bauern vom Gamplaschg heiratete. Auf der „Burschaft“ ihres Stiefvaters wurde jede Hand gebraucht. „Ich musste schwer schaffen: mähen, melken und Heubündel tragen.“

Als der Krieg ausbrach, wurden ihre vier Onkel eingezogen. Ein Onkel fiel, die anderen drei überlebten das Kriegsgemetzel. Onkel Michl war an der Front in Griechenland. Im Fronturlaub dachten sich Michl, seine Mutter und Irma eine fatale List aus. „Wir wollten verhindern, dass Michl wieder an die Front muss. Deshalb beschlossen wir, ihn zu verletzen.“

Irma verköstigte ihren Onkel Michl (im Bild) und drei weitere Deserteure.
Irma verköstigte ihren Onkel Michl (im Bild) und drei weitere Deserteure.

Irma nahm einen Hafen mit heißer Milch aus dem Ofen und schüttete sie ihrem Onkel auf den Arm. „Ich zitterte furchtbar, als ich das tat.“ Die Schreie ihres Onkels hört sie heute noch. „Er wand sich vor Schmerzen am Boden.“ Der Plan des Trios ging nicht auf. „Michl musste zurück zu seiner Einheit. Weil die Wunden an seinem Arm eiterten, konnte er seinen Rucksack nicht mehr tragen.“

Beim nächsten Fronturlaub desertierte Michl. „Wir haben ihn und drei weitere Fahnenflüchtige auf unserem Maisäß in Bartholomäberg versteckt.“ Irma verköstigte die Männer von Jänner bis Mai 1945. „Ich bin jede zweite Nacht zu ihnen hinaufgegangen und habe ihnen Fleisch, Kartoffeln und Küachle gebracht.“ Es stand viel auf dem Spiel. Irma wusste das. „Wenn man mich erwischt hätte, wäre ich im KZ gelandet. Dann würde ich heute nicht hier sitzen.“

Irma (rechts) als junge Frau.
Irma (rechts) als junge Frau.

Die junge Frau hatte Angst, entsetzliche Angst. „Ich musste im Dunkeln durch den Gaueswald gehen, das Licht einer kleinen Taschenlampe erhellte mir ein bisschen den Weg.“ Sie wusste nie, ob ihr der kleine Dorfgendarm nicht im Nacken saß. „Ich gefiel ihm. Deshalb stiefelte er mir nach. Aber mir gelang es immer, ihn abzuschütteln.“ Es war für Irma ein bedeutsamer Tag, als die Deserteure nach der Kapitulation Deutschlands mit einer weißen „Fahne“ aus ihrem Versteck kamen. „Sie hatten ein weißes Leintuch um einen Ast gewickelt.“

Irma wird im November 96 Jahre alt. Aber ihr Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Hinter ihr liegt ein erfülltes Leben. Der Montafonerin wurde ein humorvoller Ehemann geschenkt – „wir haben viel miteinander gelacht “ – , zwei Töchter, zwei Enkel und zwei Urenkel. Obwohl es auch in Irmas Leben Tiefpunkte gab, hätte sie nichts dagegen, noch einmal auf die Welt zu kommen. „Mit dem gleichen Mann würde ich noch einmal leben wollen.“

Das glückliche Brautpaar Irma und Johann Bischof.
Das glückliche Brautpaar Irma und Johann Bischof.

Johann begleitete sie viele Jahre durchs Leben. „Ich war mit ihm 64 Jahre, fünf Monate und drei Tage verheiratet.“ Als er vor acht Jahren starb, fiel sie in ein Loch. „Das war der schwerste Schicksalsschlag in meinem Leben.“ Aber es gab noch einen, der sie in arge Bedrängnis brachte: der Tod ihrer Tochter Erika vor elf Jahren. „Sie wurde nur 62 Jahre alt. Erika hatte Lungenkrebs.“ Irmas Welt stand damals für eine Weile still, aber das Leben ging weiter. Ihre Lebensfreude versiegte jedoch nie. Sie brach sich immer wieder Bahn. „Ich lebe noch gern“, ist Irma noch kein bisschen lebenssatt. Vielleicht liegt das auch daran, dass sie in ihrer Familie gut eingebettet ist. Die betagte Schrunserin freut sich immer riesig, wenn ihre Lieben zu Besuch kommen.