Sich trennen
Immer mehr Menschen flüchten vor der sengenden Hitze vom Badestrand in den schattigen Biergarten. Hoch geht es dort her. Aber am Eingang übertönt ein Paar das vielstimmige Gewirr. Da wird ein Streit ausgetragen. Er gipfelt in der Frage: „Willst du das jetzt wirklich tun?“ Der Mann schleudert seiner Frau die Worte ins Gesicht. Aber die hat schon kehrtgemacht und stapft davon. Er schreit ihr einen unfreundlichen Gruß hinterher und wendet sich dann, ohne die Stimme zu senken, den beiden Kindern zu. Da drüben, im Schatten der betagten Bäume, stehen zwei Kinder.
„Habt ihr das jetzt mitgekriegt? Eure Mutter wird sich von mir trennen. Endgültig.“ Vielleicht bringt ihm dieses letzte Wort zu Bewusstsein, dass er mitten unter Menschen steht. Vielleicht sieht er auch die verängstigten Blicke, die beide Buben wechseln. Sie sind vielleicht elf, zwölf Jahre alt. Ihr Vater wischt sich mit der Hand über die Augen, dann geht er zu ihnen und versucht im Flüsterton zu erklären, was er selber nicht versteht.
Die Hitze flirrt über dem Asphalt. Im Biergarten erntet ein Witz Gelächter. Segelschiffe laufen ein, Schwimmer steigen erfrischt aus dem Wasser. Alles wie immer. Und zwei Kinder sind ratlos. Ehen scheitern. Wer hat Schuld? Ach, Schuld! Alle … und keiner. Aber wissen Eltern eigentlich, was sie ihren Kindern antun, wenn sie ihr ganzes Unvermögen auf sie abladen?
Thomas Matt
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