Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Ausstellungen und Aufregungen

Vorarlberg / 22.06.2022 • 14:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In Deutschland wird gerade heftig über die Documenta gestritten. Ich selbst fand die Vorwürfe gegen die Documenta-Macher lange Zeit ausgesprochen unfair, zum Teil an den Haaren herbeigezogen und manchmal schlichtweg rassistisch. Da wurde einer palästinensischen Künstlergruppe aus Ramallah vorgeworfen, sich nach einem angeblich antisemitischen und nazibegeisterten arabischen Pädagogen benannt zu haben. Doch eigentlich trafen sie sich nur in einem Kulturzentrum, das nach jenem Khalil Sakakini benannt war. Und bei näherem Hinsehen entpuppte sich dieser arabische Intellektuelle selbst als alles andere als ein Antisemit und Nazi-Fan. An den Vorwürfen gegen die Künstlergruppe aus Ramallah ist schließlich, seitdem die Documenta eröffnet ist, tatsächlich nichts übrig geblieben. Ist nun alles in Ordnung?

„Eine „Judensau“, die direkt aus dem christlichen Mittelalter in die Protestrhetorik des globalen Südens gewandert zu sein scheint.“

Ausgerechnet die größte Installation des Kasseler Kunstfestivals ist ein erst Tage nach der Eröffnung installiertes und offenbar schon viele Jahre altes Monumentalgemälde der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, im Grunde eine Monumentalkarikatur des „Jüngsten Gerichts“, es zeigt den letzten Kampf zwischen Gut und Böse. Und führt dabei auch ein paar echte antisemitische Klassiker vor. Gleich hinter dem Teufel, der die Mächte des Bösen anführt, von den USA und Großbritannien über die Machthaber Südostasiens bis zum russischen KGB sind fast alle dabei, taucht ein vampirartiger „Jude“ auf, mit Schläfenlocken, großer Nase, Kapitalisten-Hut und sinnigerweise SS-Runen auf demselben. Einer der Soldaten, deren Helme die Aufschriften mit den Namen der verschiedenen Geheimdienste der Welt tragen, verkörpert den Mossad. Mit Davidstern am Halskettchen. Und trägt den Kopf eines Schweins. Eine „Judensau“, die direkt aus dem christlichen Mittelalter in die Protestrhetorik des globalen Südens gewandert zu sein scheint. Nach nur einem Tag ist das Bild nun abgedeckt. Das ging erfreulich schnell.

Aber die Glaubwürdigkeit ist in Scherben. Und das zum Schaden der vielen Künstlergruppen, die in Kassel tatsächlich den globalen Krisen und der Ausbeutung des globalen Südens einen schmerzhaften, mal ironischen, mal bitterbösen Ausdruck verleihen wollten. Die in den ersten Tagen der Schau viele Menschen neugierig gemacht haben und die nun wieder einmal zur Geisel des Nahost-Konflikts werden. So diskreditieren die einen Künstler die anderen. Und die Frage ist, wer endlich anfängt Tachles zu reden.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.