Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Plus 18 Prozent

Vorarlberg / 12.09.2022 • 18:24 Uhr

Nein, das ist nicht der Wert, um den die Zufriedenheit der Postkunden in letzter Zeit gestiegen ist. Vielmehr sind immer wieder Beschwerden zu lesen, dass die Post nicht mehr täglich oder gar über längere Zeit überhaupt nicht zugestellt wird. Damit sind, wenn Fristen versäumt werden, erhebliche Nachteile verbunden. Manche kehren daher den Werbeslogan der Post in folgende Schlussfolgerung um: „Wenn es wirklich wichtig ist, lieber nicht mit der Post.“ Auch sind die plus 18 Prozent keine Aussage darüber, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Post mit ihrem Arbeitgeber und ihrer Bezahlung so kräftig gestiegen wäre.

Hört man der Personalvertretung zu, kann davon keine Rede sein. Als Postkunde muss man allerdings dankbar anerkennen, dass trotz widriger Umstände das Personal nach besten Kräften gute Arbeit leistet und es völlig ungerecht wäre, Ärger an dem im Kundenkontakt tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzuladen.

Auffälligkeit

Um 18 Prozent steigen hingegen allerdings mit 1. Oktober die zuletzt am 1. April 2020 erhöhten Posttarife für einen einfachen Brief. Statt 85 Cent ist künftig ein Euro fällig. Dass die allgemeinen Preissteigerungen an den Dienstleistungen der Post nicht spurlos vorübergehen und Tariferhöhungen notwendig sind, liegt auf der Hand. Allerdings ist schon auffallend, dass 18 Prozent doch über der allgemeinen Teuerung und natürlich auch deutlich über den Lohnerhöhungen der Post in den vergangenen zwei Jahren liegen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Post AG zu 53 Prozent im Wege der staatseigenen Beteiligungsgesellschaft ÖBAG letztlich im Eigentum der der Republik steht, den Rest teilen sich zahlreiche private Investoren, zum größten Teil Österreicher. Die haben natürlich großes Interesse daran, dass ihre Aktien eine ordentliche Dividende abwerfen. Das tun sie auch, letztes Jahr hat die Post einen Jahresüberschuss nach Steuern von 152 Millionen Euro erzielt. Eine Dividendenmaximierung zu Lasten der Postkunden und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die Schattenseiten neoliberaler Teilprivatisierung staatlicher Grundversorgung, zu denen auch flächendeckende Briefzustellung gehört.

Guter Rat gefragt

Man muss dankbar sein, dass den Österreichischen Bundesbahnen dieses Privatisierungsschicksal erspart geblieben ist. Hier schafft es das Management im Gegensatz zu den Rechtfertigungsversuchen der Post, dass wegen Krankenständen keine Zugsverbindungen ausfallen und Personalmangel nicht in großer Zahl zu erheblichen Verspätungen führt.

Vielleicht sollte das Postmanagement die Bundesbahnen für Beratungsleistungen heranziehen und statt auf Dividendenmaximierung auf Zufriedenheitsoptimierung setzen.

„Als Postkunde muss man allerdings dankbar anerkennen, dass trotz widriger Umstände das Personal nach besten Kräften gute Arbeit leistet.“

Jürgen Weiss

juergen.weiss@vn.at

Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.