Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Hilf ihm beim Feiern!

Vorarlberg / 01.11.2022 • 18:37 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Bin gerade von Facebook verständigt worden, dass ein guter Freund heute Geburtstag hat. „Hilf ihm beim Feiern“, bittet mich das soziale Netzwerk recht jovial. Das würde ich gerne tun. Aber es dürfte schwierig werden. Der Mann ist seit einem Jahr tot.

Sein Profil in den vermeintlich sozialen Netzwerken verrät nur noch sein Geburtsdatum. Weder Arbeitsplätze werden aufgelistet noch Schulen, keine Beziehungsinformationen. Eine alte Telefonnummer spuckt das Netzwerk aus, die längst zu keinem Anschluss mehr führt. Und eben die mit einem bunten Tortensymbol verbrämte Mahnung: Er hat heute Geburtstag!

Das trägt richtig trotzige Züge. Es würde gut zu ihm passen. Ich seh’ ihn vor mir: Verschmitzt in sich hineinlachend säße er da, einen abgekauten Zigarrenstumpen zwischen den Zähnen und seine sonore Stimme verkündete: „Mich werdet Ihr nicht los, meine digitalen Spuren geistern noch ewig über den Planeten!“

Na, hoffentlich nicht nur die. Jean-Paul Sartre lässt in seinem philosophischen Kammerspiel „Geschlossene Gesellschaft“ drei Menschen nach ihrem Tod an ihrer Schuld verzweifeln, die sie zu Lebzeiten angehäuft haben. Und sie machen die bittere Erfahrung, dass der Mensch im Grunde zweimal stirbt. Einmal körperlich, und zum zweiten Mal an jenem Tag, an dem sich niemand mehr an ihn erinnert. Ob und wie man sich an uns erinnern wird? Das entscheiden die Spuren, die wir hinterlassen, und jene, die zurückbleiben. Mitunter ganz arglos daran erinnert, dass da einer Geburtstag hätte, heute: „Hilf ihm beim Feiern!“

Thomas Matt

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