“Kinder sind grausam – ich weinte heimlich”

Vorarlberg / 12.12.2022 • 11:45 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Bernadette Consimbo lebt in einer 32 Quadratmeter kleinen Sozialwohnung in Bregenz. <span class="copyright">kum</span>
Bernadette Consimbo lebt in einer 32 Quadratmeter kleinen Sozialwohnung in Bregenz. kum

Mit harter Arbeit baute sich Bernadette Consimbo, eine gehandicapte Afrikanerin, in Österreich eine Existenz auf.

Bregenz Das Schicksal wollte es, dass Bernadette Consimbo (57) in Afrika das Licht der Welt erblickte, in dem westafrikanischen Land Burkina Faso, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Seit ihrem zweiten Lebensjahr muss sie mit einem Handicap durchs Leben gehen. „Ich erkrankte an Kinderlähmung. Seither ist mein rechtes Bein gelähmt“, schildert Bernadette, warum sie eine Behinderung hat.

Was Bernadette ihrer Mutter nicht erzählt hat

In der Kindheit wurde die Afrikanerin wegen ihres lahmen Beines gehänselt. „Kinder sind grausam. Sie haben mich geschubst und sich über mich lustig gemacht, weil ich anders bin.“ Ihrer Mutter erzählte sie nicht, dass sie in der Schule gemobbt wurde. „Ich habe heimlich geweint.“

Nach der Schule begann sie zu Hause, bei ihrer Mutter, zu arbeiten. „Mama hat Stoffe gewebt und sie dann verkauft. Das war ihr Beruf.“ Eigentlich wäre Bernadette gerne Krankenschwester geworden. „Helfen zu können ist etwas Schönes.“ Aber diesen Traum musste sie aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung begraben. „Das hat mir weh getan.“ Bis zum Alter von 34 webte die gehandicapte Frau Stoffe mit ihrer Mutter. Das Einkommen reichte gerade, um beide über Wasser zu halten. Je länger Bernadette diese Arbeit machte, desto klarer wurde ihr, dass dieser Beruf sie auf Dauer nicht ernähren konnte. „Ich sah für mich keine Zukunft in Afrika.“

Bernadette trägt am Tag eine Orthese. Die orthopädische Schiene erleichtert ihr das Gehen.
Bernadette trägt am Tag eine Orthese. Die orthopädische Schiene erleichtert ihr das Gehen.

1999 reiste sie nach Wien zu ihrer Cousine, die mit einem Österreicher verheiratet war. Mit im Gepäck hatte sie die Hoffnung, „dass ich mir vielleicht in Österreich eine Existenz aufbauen kann“. Als Erstes lernte Bernadette, die bei ihrer Cousine untergekommen war, die deutsche Sprache. Nachdem ihr Visum abgelaufen war, kehrte sie in ihre Heimat zurück, suchte aber schnell wieder um eine Einreiserlaubnis an. Im Juni 2000 reiste sie erneut nach Wien.

Kaum da, lernte sie einen Mann kennen, der sie als Au-pair-Kraft anwarb. Fünf Jahre lang arbeitete Bernadette für die sechsköpfige Familie. Für ein Taschengeld betreute sie vier kleine Kinder, kochte und putzte. Die Arbeit strengte die Frau mit dem unbeweglichen Bein sehr an, „aber ich wollte helfen und keine Last sein.“ Im Jahr 2005 verliebte sie sich in einen Vorarlberger, der bereits ein Kind hatte. „Wir zogen nach Vorarlberg. Nach drei Jahren heirateten wir.“ Aber die Ehe war nicht glücklich. „Jetzt musste ich zu Hause hart arbeiten.“ Und wieder brachte die Haus- und Familienarbeit die gehandicapte Frau an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Nach sechs gemeinsamen Jahren ging das Ehepaar auseinander. Bernadette zog in eine 32 Quadratmeter kleine Sozialwohnung in Bregenz und suchte sich Arbeit, „damit ich mein eigenes Geld habe und mich selbst durchbringen kann“.

Elektromobil würde ihren Alltag sehr erleichtern

Die ungelernte Frau aus Afrika fand nur Jobs aus dem Bereich Hilfsarbeit. Acht Stunden am Tag faltete sie im Stehen Kartons zusammen und verpackte Pakete – und dies bei einem Behinderungsgrad von 80 Prozent. Das war zu viel für ihren Körper, der nach mehreren Jahren harter körperlicher Arbeit überall schmerzte. „Ich musste aus gesundheitlichen Gründen kündigen und mir eine andere Arbeit suchen.“

Bernadette weiß: Mit einer körperlichen Beeinträchtigung ist der Lebenskampf noch härter.
Bernadette weiß: Mit einer körperlichen Beeinträchtigung ist der Lebenskampf noch härter.

Sie fand sie 2017 in einem Callcenter eines Versandhauses. „Die Arbeit gefällt mir und ist körperlich nicht anstrengend.“ Ihre Mutter in Afrika ist stolz auf sie. „Sie ist glücklich, dass ich in Europa Fuß fassen konnte.“ Bernadettes Lohn ist nicht groß. Trotzdem schickt sie ihrer betagten Mutter jeden Monat etwas Geld. „Das ist ein Muss für mich, meine Mama zu unterstützen. Denn sie hat gekämpft, um mich durchzubringen. Sie hat nicht nur Stoffe gewebt, sondern auch noch Reis gekocht und verkauft“, erklärt Bernadette, die sich am Computer gerade Bilder von Elektromobilen ansieht.

Die 57-Jährige, die inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, benötigt dringend ein Neues. Das letzte gab im August nach sieben Jahren den Geist auf. „Anfangs bin ich zu Fuß, mit Krücken, zur Arbeit gegangen. Es sind nur ein paar Kilometer. Aber aufgrund meiner Behinderung brauchte ich eine ganze Stunde. Im Winter musste ich mir ein Taxi nehmen, weil bei meiner Arbeitsstätte keine Bushaltestelle ist.“ Um sich das Geld fürs Taxi zu sparen, mietete sich Bernadette zunächst ein Elektro-Fahrzeug an, später kaufte sie ein Gebrauchtes. Aus eigener Tasche kann sich die alleinstehende Frau kein Elektromobil leisten. „Ich habe 1000 Euro auf der Seite, ein neues kostet aber rund 5500 Euro.“ Das Fahrzeug würde ihr den Alltag erleichtern. „Ich wäre mobil, könnte mit ihm zum Callcenter fahren und zum Supermarkt. Mir macht es auch Freude, entlang der Ach spazieren zu fahren.“

Die gehandicapte  Frau benötigt ein Elektromobil. Es würde ihr den Alltag sehr erleichtern. Mit ihm könnte sie zur Arbeit fahren und zum Supermarkt.
Die gehandicapte Frau benötigt ein Elektromobil. Es würde ihr den Alltag sehr erleichtern. Mit ihm könnte sie zur Arbeit fahren und zum Supermarkt.

Mit einer Behinderung zu leben sei nicht einfach, sagt sie. „Im Leben muss man kämpfen. Mit einem Handicap aber muss man noch mehr kämpfen.“ Das Alter macht ihr Angst. „Es wird nicht besser mit meinem Bein. Ohne meine orthopädische Schiene kann ich schon lange nicht mehr gehen, nachts brauche ich Krücken, damit ich zur Toilette komme.“ Es gab in ihrem Leben schon viele Momente, in denen sie wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigung frustriert und traurig war. Aber ihr Glaube holte sie schnell aus den Stimmungstiefs und tröstete sie. „Ich bin Gott dankbar, dass ich jeden Tag aufstehen und arbeiten kann. In Afrika müsste ich zu Hause bleiben und mich als Mensch mit Behinderung verstecken.“

Spendenkonto: Bernadette Consimbo, Raiffeisenbank Bregenz, IBAN: AT 703700000000041335.

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