Weihnachten heißt, der Liebe den Vorrang geben

Vorarlberg / 23.12.2022 • 17:30 Uhr
Corinna Peter arbeitet in der Kommunikation der Jungen Kirche Vorarlbergs: Für sie ist Liebe das größte Geheimnis: „Dass wir jemanden haben, der zu uns steht, egal, wie scheiße es uns geht.“
Corinna Peter arbeitet in der Kommunikation der Jungen Kirche Vorarlbergs: Für sie ist Liebe das größte Geheimnis: „Dass wir jemanden haben, der zu uns steht, egal, wie scheiße es uns geht.“

Wenn das gelänge: Seine eigenen Bedürfnisse einmal im Jahr selbst aus den Augen zu verlieren und nur die der anderen zu sehen!

Ludesch Der Weg durch den Advent führte die VN an den Außenwänden der barocken Kanzel von St. Martin in Ludesch entlang bis hierher: Von der Hoffnung über die Geduld zum Glauben, und mündet heute in der Liebe. Das romanische Gotteshaus hat den Wandel der Stilrichtungen über die Jahrhunderte hinweg erstaunlich harmonisch überstanden. Christliche Tugenden bildet es mannigfaltig ab. Auch ungewollt: Man denke nur an die Kirchenbänke aus dem 16. Jahrhundert. Lediglich die Männer haben welche. Zugegeben, die sind richtige Kreuzbrecher. Aber den Frauen billigte die Gemeinde nur Kniebänke zu – die Tugend der Demut war erstaunlich schräg verteilt.

Ewig junge Fragen

Nun kann man so eine Kirche wie ein Museum betreten. Sie atmet den Geist der Jahrhunderte. Dann weiden Besucher ihre Augen in der überreichen Bildsprache, sie fühlen die Kälte im Gemäuer und erschauern beim Besuch im reich gefüllten Beinhaus. Das uralte Gebäude scheint aus der Zeit gefallen.

Aber die Geschichten, die es erzählt, sind es nicht. Auch Luca, Johannes, Lea und Corinna hat die sakrale Kunst beeindruckt. Was der damalige Pfarrer Eugen Giselbrecht mit unendlichem Einsatz vor dem Verfall bewahrt hat, machte die vier Interviewpartner der jungen Kirche regelrecht sprachlos. Bei den Themen Geduld, Hoffnung, Glaube und Liebe hingegen entwickelten sie sofort eigene Gedanken. Darf ich hoffen? Was soll ich glauben? Warum muss ich mich gedulden? Werde ich geliebt? Solche Fragen sind so alt wie die Menschheit. Insofern ist die wuchtige Wallfahrtskirche oberhalb Ludesch ewig jung geblieben.

Ein alter Brief gibt Auskunft

Der Apostel Paulus hat im ersten Brief, den er etwa um 55 nach Christus der jungen Christengemeinde in Korinth schrieb, die Stationen vorgezeichnet, die wir heuer im Advent passiert haben. Er zeigt den Menschen Glaube und Hoffnung quasi als Wegmarken und bezeichnet das Ziel: „Am größten aber ist die Liebe.“ Warum? Wenn Christsein sich vollendet, dann doch in der Auferstehung. In diesem Augenblick aber braucht der Mensch keine Hoffnung mehr, denn sie hat sich ja erfüllt. Er muss auch nichts mehr glauben, weil er endlich den sieht, an den er geglaubt hat. Übrigbleibt nur mehr die Liebe, die selbstlose, sich verschwendende Liebe.

Klingt das nicht zu schön, um wahr zu sein? Paulus schrieb der Gemeinde damals aus sehr profanen Gründen. Die hatten sich heillos zerstritten. Arm und Reich gingen aufeinander los. Wie sollte diese neue Gesellschaft denn aussehen in der Gefolgschaft des Jesus von Nazareth? Wie sollte das gehen, alle gleich vor Gott? Wem sollten sie vertrauen? Wer hatte die „rechte Lehre“? Dieser Christus war tot. Gut, auferstanden. Aber, auferstanden? Tja, der neue Glaube war ganz schön anspruchsvoll. Mit ein paar Tempelopfern war das nicht getan.

Deshalb zieht Paulus ganz schön vom Leder. Er wäscht ihnen den Kopf. Er schreibt auch schwierige Dinge, an denen sich Generationen bis heute abarbeiten. „Das Weib schweige in der Kirche“, da kommen einem die Kirchenbänke aus St. Martin wieder in Erinnerung. Der Apostel gibt den Korinthern jede Menge Regeln, er eifert, mahnt, rügt, am Ende aber scheint es fast so, als lege er erschöpft das Pergament zur Seite. Im 13. Kapitel des Briefs will er ihnen „noch einen ganz anderen Weg“ zeigen. Und dann folgt einer der schönsten poetischen Texte über die Liebe, die wir haben.

Die Liebe, die nichts will

Es ist fast so, als wollte er den Menschen sagen: Vor allem anderen solltet Ihr Euch mögen. Das ist das Wichtigste. Ein Wert an sich. Wo führt denn das hin, all der Neid, der Hass, der überbordende Narzissmus? Dieses immer zwanghaft mehr gelten, mehr haben wollen? Ständig wichtiger sein müssen, bedeutender als andere? Dieser ganzen menschlichen Erbärmlichkeit hält Paulus eine Liebe vor Augen, die sich nicht aufbläht und nicht prahlt, die nur gibt. Einfach so.

Aber gibt es so eine Liebe? Eines der ergreifendsten Zeugnisse hat Viktor E. Frankl hinterlassen. Er erinnert sich an einen bitterkalten Wintermorgen im Konzentrationslager. Sie marschieren gerade durchs Lagertor. Zur Arbeit am Bauplatz. Mit wunden Füßen, traktiert von den Stiefeln und Gewehrkolben der Wachen. Und flüstert einer: „Wenn unsere Frauen uns jetzt sähen“. Und da fällt kein Wort mehr. Jeder denkt an seine Frau. Hoffentlich geht es ihr gut! „Da durchzuckt mich ein Gedanke: Das erste Mal in meinem Leben erfahren ich die Wahrheit dessen, was so viele Dichter besungen haben: die Wahrheit, dass die Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich das menschliche Dasein aufzuschwingen vermag. (…) Ich erfahre, dass der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für eine Augenblicke –, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen.“ Und das Unglaubliche daran: Frankl wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob seine Frau, die in einem anderen KZ war, noch lebt, „aber in diesem Augenblick ist das irgendwie gegenstandslos geworden. (…) Meiner Liebe kann das alles nichts mehr anhaben.“ Der Vater der Logotherapie und Existenzanalyse zitiert am Ende dieses erschütternden Bekenntnisses aus dem Hohenlied der Liebe im Alten Testament: „Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz … denn Liebe ist stark wie der Tod.“

Wenn die Kirche bildhaft von so einer Liebe erzählen will, dann tut sie das über die Jahrhunderte hinweg bis heute durch die Darstellung der Mutter mit dem Neugeborenen. Es gibt nichts Hilfloseres, Bedürftigeres als ein eben zur Welt gekommenes Kind. Und es gibt keine selbstverständlichere, bedingungslosere Liebe als die jener Frau, die das Kind unter Schmerzen geboren hat.

Wenn die Kirche diese Form der Liebe darstellen will, die nichts für sich fordert sondern nur für den anderen, dann erzählt sie die Weihnachtsgeschichte: Von der Mutter und dem Kind im Stall, und gleichzeitig vom elterlichen Gott, der sich seiner Allmacht entledigt und wieder Kind wird für all die geplagten und gehetzten Menschen, heute und an jenem 24. Dezember vor mehr als 2000 Jahren.

Johannes Lampert ist Jugend- und Kulturarbeiter und Texter in der Katholischen Kirche Vorarlberg: In seinen Augen trägt der Augenblick geübter Geduld die Belohnung in sich.
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Luca Kogoj, Zivildiener in der Katholischen Kirche: Für ihn ist Hoffnung wie der Polarstern in der Nacht.
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Lea Berger, kirchliche Jugendarbeiterin in Dornbirn: Wenn Lea betet, „ist das ein wenig wie ein Selbstgespräch.“
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