Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Alles Lüge

Vorarlberg / 27.12.2022 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich darf mir etwas wünschen, wenn ich nicht sage, was ich weiß.“

Das sagte die siebenjährige Luise zu ihrem Vater, als er sie fragte, warum sie sich so komisch verhalte. Er rief sie, sie versteckte sich hinter dem Schrank, sie rannte davon, er befahl ihr stehenzubleiben. Sie rannte in die Arme ihrer Mutter.

„Was ist hier eigentlich los, warum sagt mir keiner, was hier los ist. Ein Getue ist das, nicht zum Aushalten. Ich will Klarheit.“ Das verlangte der Vater.

Es war der letzte Tag im Jahr, und im neuen Jahr sollte alles besser werden, das Alte weggeräumt, das Neue begrüßt.

Der Vater schickte das Mädchen aus dem Zimmer und stellte sich vor seine Frau: „Mir soll etwas vorgemacht werden, und ich weiß auch warum. Luise weiß etwas und darf es nicht sagen. Du hast ihr ein Geschenk versprochen, wenn sie den Mund hält. Merkst du denn nicht, dass das Kind verunsichert ist? Mach mir nichts vor! Es geht um deine Affäre, von der ich denken soll, dass sie beendet ist. Ja, sie hat geweint und unter Tränen ist sie damit herausgerückt. Sie hat dich mit ihm im Auto gesehen, wie ihr euch geküsst habt. Ist es also nicht beendet? Du flehst das Kind an, mir nichts zu sagen?“

Sie fanden Luise. Sie saß im Keller bei den Spinnweben und drückte sich ihr Schlafkissen auf das Gesicht.

„Es war der Abschied, der letzte Abschiedskuss“, sagte die Frau. „Im neuen Jahr fangen wir drei neu an. Mit ihm ist es aus. Glaube es mir. Ich schwöre. Ich schwöre bei unserer Tochter.“

„Schwöre nicht bei Luise, es könnte schlecht ausgehen. Wie kann ich dir glauben, nachdem du mir schon dreimal geschworen hast, dass es aus ist? Luise ist von mir davongelaufen, aber dann kam sie zu mir und hat mir alles erzählt. Sie hat am Schluss gefragt, sag, Papa, brauchen wir die Mama eigentlich?“

„Und wo ist sie jetzt?“, fragte die Frau.

Beide suchten sie ihre Tochter, sie fragten die Nachbarn, riefen ihre Freundin an. Inzwischen weinten sie beide und umarmten sich und schworen sich Treue. „Bei Gott, beim Tod meiner Mutter“, sagte die Frau, und sie meinte es auch so. Der Mann wollte ihr glauben.

Sie fanden Luise. Sie saß im Keller bei den Spinnweben und drückte sich ihr Schlafkissen auf das Gesicht. Der Vater hob sie auf und küsste sie. Die Mutter nahm sie ihm aus dem Arm und küsste sie. Luise drückte die Augen zu. Sie setzten sich zu dritt auf den Bettrand und ließen sich umfallen.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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