Starker Rückgang der Geburten

Vorarlberg: Fachleute führen die Entwicklung auf die vielfältigen Krisen zurück.
SCHWARZACH In der ersten Jahreshälfte hat es heuer in Vorarlberg gerade einmal 1883 Geburten gegeben. Das waren um mehr als fünf Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Schon damals war es zu einem starken Rückgang gekommen; nämlich um einen von mehr als acht Prozent. 2021 waren noch 2166 Buben und Mädchen zur Welt gebracht worden. Es hatte dem Niveau der Zeit entsprochen.
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Veränderungen gibt es zwar immer wieder. So massive sind jedoch außergewöhnlich. Wie sind sie erklärbar? Eine medizinische Antwort gibt es nicht. Hans Concin, Vizepräsident des Arbeitskreises für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) und langjähriger Gynäkologe, ruft von einem Kongress zurück, um zu berichten, dass er dort auch in einem Gespräch mit einem namhaften Kollegen auf keine solche gestoßen sei.
An der Bevölkerungsentwicklung liegt es nicht
Könnte es eine demografische Erklärung geben, wonach es etwa weniger Frauen im gebärfähigen Alter gibt? Nein, berichtet Egon Rücker, Leiter der Landesstatistik, nach Rücksprache mit Kollegen von der Statistik Austria und unter Verweis auf deren Erkundungen. Es gebe vielmehr eine ganz andere Vermutung: „Dass die Bevölkerung durch die schlechtere wirtschaftliche Entwicklung, den Ukraine-Krieg, das erschwerte Schaffen von Wohnungseigentum und die massive Teuerung zunehmend verunsichert und daher die Familienplanung teilweise verschoben wurde.“

Tatsächlich? Bemerkenswert ist, dass die Antwort von Lea Putz-Erath zeitgleich sowie unabhängig davon in eine ähnliche Richtung geht. Putz-Erath ist Geschäftsführerin von „femail“, einer Servicestelle im Land, die Frauen eigenen Angaben zufolge fachkundige Informationen für fast alle Lebensbereiche anbietet; zu Arbeit und Bildung genauso wie zu sozialer Absicherung oder auch Familie und Gesundheit.
Auf die Geburtenentwicklung eines Landes gebe es grundsätzlich Einflussfaktoren wie Geld, Frauenerwerbstätigkeit sowie Gleichstellungs- und Familienpolitik, so Putz-Erath. Dazu würden Faktoren kommen, die den konkreten Zeitpunkt der Familiengründung oder -erweiterung beeinflussen: „Wir leben in weltpolitisch labilen Zeiten, haben gerade eine Pandemie hinter uns gelassen und spüren mit der Teuerung in fast allen Bevölkerungsgruppen deutliche finanzielle Einschnitte. Das können Faktoren sein, die ein Paar dazu bewegen, den Zeitpunkt für ein Kind auf später zu verschieben.“

Für die jüngere Generation spiele in Vorarlberg außerdem das Thema Wohnen eine große Rolle: Was ist verfügbar, groß genug und erschwinglich? Wenn es nicht möglich ist, etwas Passendes zu finden, werde sich ein Paar eher nicht für ein (weiteres) Kind entscheiden. Und zwar auch dann nicht, wenn es durchaus auch Verbesserungen gibt, wie Putz-Erath unter Verweis auf den laufenden Ausbau von Kinderbetreuungs- bzw. -bildungsangeboten erklärt.
Rückgänge auch in der Schweiz und in Deutschland
Was all die Vermutungen stützt, dass Krisen von Corona bis Teuerung viele zurückhaltender werden lässt bei der Familienplanung, ist, dass sich der Rückgang der Geburten nicht auf Vorarlberg beschränkt. In Österreich insgesamt belief er sich laut Rücker im ersten Halbjahr auf 4,6 Prozent, in der Schweiz auf 5,0 und in Deutschland gar auf 6,3 Prozent.