Das Wunschhaus 1
Sie träumen von diesem Haus. Jeden Sonntag spazieren sie vorbei und phantasieren sich die Zimmer, die sie dort bewohnen würden.
Bei jedem Wetter gehen sie, die Mutter Maria, der Vater und Eva, das Kind, ob im Winter bei Schneeregen oder im Frühling, wenn die Kirschbäume blühen.
„Stell dir vor“, sagt Maria zu ihrem Kind, „wir hätten einen Kirschbaum, und du könntest hinauf klettern mit einem Körbchen und Kirschen pflücken. Du würdest sie mir in die Küche bringen, und ich hätte schon den Mürbteig geknetet und kalt gestellt. Zusammen würden wir die Kirschen entkernen, und es gäbe diesen wunderbaren Kirschkuchen, den wir so mögen.“
„Ja, Mama, und Kirschenzwillinge würdest du mir schenken, die ich als Ohrringe verwenden könnte.“
„Und ich würde inzwischen den Kuchen essen“, sagt der Vater, „drei Stück mindestens.“
„Aber nie werden wir dieses Haus haben“, sagt Eva, neun Jahre alt ist sie.
„Dein Papa und ich“, sagt die Mama, „wir sparen, seit wir verheiratet sind, und das sind zwölf Jahre, einiges haben wir auf die Seite geschafft, und das liegt jetzt auf der Bank.“
Sie bürstet sich die braunen Haare, findet sich hübsch. Der Mann sieht sie, und sie gefällt ihm heute besonders.
„Noch viel zu wenig“, sagt der Vater. „Um dieses Haus zu kaufen, müssen wir noch mindestens zwanzig Jahre sparen.“
„Wer sagt denn, dass dieses Haus zu verkaufen ist?“, sagt Eva. „Wieso fragen wir nicht einfach.“
An einem Tag im warmen August sieht sich die Frau im Spiegel, sie ist jetzt fünfunddreißig. Sie trägt das rote Kleid zum ersten Mal, das sie sich genäht hat. Sie dreht sich. Sie bürstet sich die braunen Haare, findet sich hübsch. Der Mann sieht sie, und sie gefällt ihm heute besonders.
„Das ist ein guter Tag“, sagt er.
Da denkt die Frau, ich mach mich auf und spaziere zu dem Haus, gehe durch den Vorgarten und klingle an der Tür.
Niemand öffnet.
Sie will schon gehen, da ruft ihr ein alter Mann nach: „Wollen Sie zu mir?“
Die Frau, eingeschüchtert und scheu, tritt vor ihn hin und sagt: „Ich wollte Sie fragen …“
„Ja, was denn?“, sagt der alte Mann.
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie Ihr Haus verkaufen?“
„Wie kommen Sie auf die Idee! Ich lebe in diesem Haus und will darin leben bis ich sterbe. Sehe ich krank aus, sehe ich aus, als ob ich bald das Zeitliche segne?“
„Um Himmelswillen!“, sagt die Frau. „Ich wollte nicht unverschämt sein. Es ist nur so, dass wir jeden Sonntag …“, und sie erzählt von den vielen Sonntagen, an denen sie an diesem Haus vorbeispaziert sind. Sie erzählt so innig und traurig und sagt, er solle es vergessen, sie könnten sich das Haus sowieso nicht leisten. Sie hätte nur eben heute so einen Übermut gehabt und wäre deshalb zu ihm gekommen.
„Ich habe drei Töchter, die mich in ein Heim stecken wollen“, sagt der alte Mann. „Manchmal bin ich nämlich sehr erschöpft und muss sie rufen, damit sie mir behilflich sind. Wenn ich zum Beispiel nicht aus meinen Kleidern komme. Ich will aber nicht in ein Heim. Verstehen Sie das?“
„Aber ja!,“ sagt die Frau, die Maria heißt. „Das versteht niemand so gut wie ich.“
Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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