Leitkultur
Der „Österreich-Plan“ der ÖVP von Kanzler Karl Nehammer sollte nicht vergessen werden. Genauso wenig wie allfällige Vorstellungen anderer Parteien. Gerade wenn man sie nicht teilt oder seine Zweifel hat, sollte man sie aufgreifen und diskutieren, ja darüber streiten. Beispiel: Nehammer will bis 2030 eine Leitkultur definieren, an die sich Menschen, die zuwandern, anzupassen hätten. Gut, schlecht? Eine Auseinandersetzung darüber wäre sogar wichtig, hier könnte ein Prozess in Gang gesetzt werden, der dringend nötig ist.
Bemerkenswert ist zunächst, dass offen ist, was unter einer Leitkultur verstanden wird. Jeder meint etwas anderes damit, und auch Nehammer kann noch nichts vorlegen. Sonst würde er sich kaum auf eine Ankündigung beschränken, sondern einen, sagen wir, Zehn-Punkte-Katalog präsentieren.
„Ein Schwachpunkt ist, dass die eigene Identität so ungewiss ist: Was zum Beispiel macht Österreichisch-Sein aus?“
Der Begriff ist so schwammig wie „Normalität“. Er wird auch eingesetzt, um eine Identität vorzugeben, die von außen gefährdet werde und daher verteidigt werden müsse. Motto: „Wir sind, wie wir sind, und lassen uns das nicht nehmen. Wenn, dann müssen sich Zuwanderer fügen. Sonst müssen sie draußen bleiben.“
Ein Schwachpunkt dabei ist aber eben, dass die eigene Identität so ungewiss ist: Was zum Beispiel macht Österreichisch-Sein aus? Geburtsurkunde, Sprache, Speisekarte? Ehe man sich die Mühe macht, darauf einzugehen, sollte man sich daran erinnern, worum es letzten Endes geht: Es geht darum, eine Grundlage dafür zu schaffen, dass das Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft bestmöglich funktioniert.
Das zu erreichen, könnte über eine falsch verstandene Leitkultur schwer werden. Würde man etwa sagen, sie sei katholisch, hätte man unter anderem ein Problem mit all jenen, die nicht mehr katholisch sein wollen. Das sind viele. Sie betrachten Feiertage als willkommene „Freitage“ und Weihnachten als Gelegenheit, mit den Liebsten zusammen zu sein und einander zu beschenken. Auch schön, ja wichtig! Aber entfernt von der religiösen Dimension, die einst zu Weihnachten geführt hat.
Bei einer Leitkultur schwingt bisweilen immer mit, dass es möglich sei festzulegen, wie alle zu leben haben und wie Bräuche und Traditionen zu pflegen sind. Im Übrigen scheint es so zu sein, dass mit dem Maß, mit dem man sich bei alledem von Ursprünglichem entfernt, eine Sehnsucht nach einer Leitkultur wächst. Nachvollziehbarerweise: Man braucht etwas, woran man sich festhalten kann, eine Orientierung.
Zuwanderung hat damit noch nicht einmal etwas zu tun. Durch sie aber wächst der Bedarf, grundsätzliche Dinge zu klären. Wobei: Muss man hier irgendetwas neu erfinden? Woher!
In Wirklichkeit muss man nur den jahrhundertealten Geist der Aufklärung wiederbeleben, der zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geführt hat. Das würde auch all jenen guttun, die ausschließlich Beliebigkeiten walten lassen wollen.
Als Ergebnis des Ganzen könnte daran erinnert werden, dass jeder Mensch frei ist und alle gleich sind; dass sie einander zu respektieren haben in Bezug auf Religionsbekenntnis (sofern vorhanden) sowie Bräuche und Traditionen; und dass Versuche, andere zu unterdrücken, konsequent bekämpft werden. Das wären Prinzipien, auf die es mehr denn je ankommt – und die selbstverständlich auch als Leitkultur bezeichnet werden könnten.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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