Politischer Narzissmus
Heutzutage ist der Ausdruck „Narzissmus“ zu einer Lieblingsetikettierung, zu einem viel verwendeten Schimpfwort und einer inflationären Diagnose geworden. Deshalb verwundert es nicht, wenn immer wieder die Frage aufgeworfen wird, ob die meisten Politiker nicht zumindest narzisstisch angehaucht seien.
„Sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene brauchen wir mehr denn je starke Politpersönlichkeiten.“
Um es vorwegzunehmen: Narzissmus ist nicht von Vornherein etwas Schlechtes, problematisch ist allein die Dosis. Wenn eine Persönlichkeit zu wenig an Ichbewusstsein, Eigenvertrauen und Durchsetzungsvermögen besitzt, wird sie unweigerlich unter Selbstwertzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Bei einem Zuviel an Egoismus, Empathiemangel und Entwertung anderer – das ist das Gesicht des heutigen Narzissmus – kommt es zu sozialer Entsolidarisierung, Polarisierung und emotionaler Kälte. Politiker ließen sich vor dem Narzissmus-Spiegel somit danach beurteilen, wie oft sie das Wort „ich“ (bzw. in der beliebten Majestätsform „wir“) verwenden, ob sie differenziert denken können und eine spaltende Radikalsprache meiden. Tolerieren sie auch andere Meinungen und gelingt es ihnen, selbst in Wahlkampfduellen eine wertschätzende Grundhaltung zu bewahren? Oder haben sie es auf die Täuschung der Mitmenschen – eine Lieblingsdisziplin der Narzissten – angelegt?
Narzissmus kann also positiv und negativ sein. Da eines seiner Hauptmerkmale in der enormen Kränkbarkeit liegt, werden es sich positiv-narzisstisch veranlagte Menschen gut überlegen, ob sie die unweigerlich mit viel Beschimpfung, Beleidigung, Entwertung und Beschämung verbundene Politikerrolle anstreben. Dies ist wohl ein Hauptgrund für die besorgniserregende Entwicklung, dass sich immer weniger Persönlichkeiten politisch engagieren und vor allem jüngerer Karrieristen andere Führungsfunktionen als jene in der Politik anstreben.
Die negativen, destruktiven Narzissten feiern hingegen weltweit Wahlerfolge, von Russland bis in die USA oder von den Philippinen bis nach Südamerika. Offensichtlich lassen sich immer mehr Menschen durch den aus Fanatismus, Populismus, Extremismus und überzogenem Nationalismus bestehenden „Duft des Narziss“ betören.
Sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene brauchen wir mehr denn je starke Politpersönlichkeiten. In der narzisstischen Konzeption würde dies heißen: Weniger destruktiven, aber ein gesundes Maß an positivem Narzissmus. Eine besondere Form davon ist das Charisma, die Gnadengabe, die allen unseren neu gewählten Volksvertretern innig zu wünschen ist.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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