Vollkommen
Erzählte sie von ihrer Kindheit, war es das vollkommene Glück gewesen. Ohne Makel, wie im Film. Sollte man ihr glauben? Sie erzählte und sah dabei dem Mann mitten ins Gesicht.
„Nie ein böses Wort?“, fragte der Mann. „Nie eine Träne im Auge?“
Und da weinte sie. Sie weinte nicht vor Glück. Sie weinte, weil er er ihr nicht glaubte. Schlecht erfunden schlecht gelogen. Vom armen in ein reiches Haus geträumt.
„Sie tranken sich einen kleinen Rausch an – beide waren sie an Alkohol nicht gewöhnt, immer nur zur Feier des Tages.“
„Ich habe eine Idee“, sagte der Mann, dem ihre mollige Figur gefiel, auch die Löckchen in der Stirn, „sollten wir nicht selber das vollkommene Glück erkunden? Mir gefällt, wenn du schnell redest und dich dabei verhaspelt, das finde ich süß.“
Die Frau, die Irene hieß, wurde verlegen. Sie fühlte sich rot werden, was gar nicht gut aussieht, und sie sagte zu dem Mann, der als Wahrzeichen vor ihr stand: „Kann ich dir glauben?“
„Wenn nicht mir, wem dann?“, sagte er und knickte leicht mit dem rechten Knie.
„Es gibt so viele, die es nicht ehrlich meinen“, sagte sie und dachte gleichzeitig: Was rede ich töricht! Dann: „Ich will dir gern glauben, Franz, bin nur etwas aus der Übung.“
Sie probierten es, als wärs eine Speise, langsam, um auf den Geschmack zu kommen.
Franz redete, halb sang er: „Ihre Küsse schmecken wie Chocolata, wie Chocolata und Marzipan.“
Irene kannte den Schlager nicht, der war vor ihrer Zeit gewesen.
Sie tranken sich einen kleinen Rausch an – beide waren sie an Alkohol nicht gewöhnt, immer nur zur Feier des Tages.
Seine Wohnung sah wie ein Büro aus, ungemütlich nüchtern, keine Farbe.
Sie schlug ihm ihr Zuhause vor. Da gab es ein breites Sofa, auf dem schon manch einer geschlafen hatte, mit und ohne sie. Eine Decke aus Fell darauf.
„Sieht wie ein Bärenfell aus, ist aber nicht echt“, sagte sie.
„Ich sollte zuerst ins Bad“, sagte er. „Ich fürchte, ich bin verschwitzt.“
„Musst du nicht“, sagte sie, erstens, weil im Bad Unordnung war, zweitens, weil sie sich zuerst an ihn gewöhnen wollte.
„Kannst du dir vorstellen, Sex mit mir zu haben?“ fragte er, noch mutig vom Alkohol. Gleich dachte er, ich bin zu weit gegangen, aber Irene sagte locker:
„Kann ich mir durchaus vorstellen, nur nicht heute. Wir sollten dabei nüchtern sein, um zu sehen, wie weit wir es schaffen, was meinst du?“
Franz hatte viel über passende Blumen für ein erstes Date nachgedacht, hatte auch danach gegoogelt. Hatte eingegeben: Blumen für ein erstes Date.
Vorgeschlagen wurde: eine einzelne Rose, keine rote, ein kleiner Strauß Ranunkeln, stehen für Anziehungskraft und Schönheit.
„Was um alles in der Welt sind Ranunkeln?“
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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