Kommentar: Die Macht bleibt, wo sie war – das Potenzial liegt in gemischten Teams

Gastkommentar von Helga Boss.
Es gibt gesellschaftliche Rückschritte, die kommen nicht mit Getöse. Sie schleichen sich ein. Unauffällig. Fast vernünftig begründet. In Zeiten der Unsicherheit, heißt es dann, brauche es „klare Führung“, „Bewährtes“, „Verlässlichkeit“. Gemeint ist meist etwas anderes: vertraute Netzwerke, homogene Machtzirkel, alte Rollenbilder. Kurz: die Rückkehr der Boys Clubs.
Auch Vorarlberg ist davon nicht ausgenommen. Die Region ist wirtschaftlich erfolgreich, sozial stabil – und erstaunlich beharrlich, wenn es um die Verteilung von Macht geht. Frauen stellen einen großen Teil der Leistungsträgerinnen, doch sobald es um Führungsverantwortung geht, schrumpft ihre Präsenz auffällig. In Unternehmen, in Aufsichtsräten, in der öffentlichen Verwaltung.
Wer als Frau dennoch nach oben strebt, wird nicht selten mit Skepsis bedacht. Durchsetzungsstärke gilt rasch als Härte, Klarheit als Unweiblichkeit. Und spätestens mit Kindern stellt sich eine Frage, die Männern in vergleichbaren Positionen kaum je gestellt wird: „Geht das überhaupt?“ Führung wird bei Frauen moralisch verhandelt, bei Männern funktional.
Die Folge ist vorhersehbar. Viele Frauen nehmen Führungsverantwortung erst gar nicht an. Nicht aus mangelnder Kompetenz, sondern aus klarem Realitätssinn. Sie wissen, dass Sichtbarkeit einen Preis hat. Dass Fehler weniger verziehen werden. Dass Selbstvertrauen schneller als Arroganz gelesen wird. Dieses Zögern wird dann gerne als Beweis mangelnder Ambition fehlinterpretiert.
Gleichzeitig erleben wir, wie Diversität in Krisenzeiten wieder zur Nebensache erklärt wird. Man könne sich das jetzt nicht leisten, heißt es. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Wer Vielfalt abbaut, spart nicht – er verengt den Blick und schwächt seine Entscheidungsfähigkeit.
Dass diese Entwicklung auch ökonomisch kurzsichtig ist, zeigen zahlreiche Studien. Analysen der Boston Consulting Group und anderer Forschungsinstitute belegen, dass Unternehmen mit divers besetzten Führungsgremien Krisen stabiler bewältigen, risikoärmer entscheiden und langfristig erfolgreicher sind. Homogenität mag Sicherheit suggerieren – sie schwächt jedoch die Resilienz.
Wenn wir uns in Vorarlberg nicht bewusst gegen diese Entwicklung stellen, bewegen wir uns zurück. Nicht dramatisch, aber konsequent. Erkenntnis wäre der erste Schritt. Der zweite wäre, Frauen nicht nur zu loben, sondern sie gezielt zu ermutigen und zu unterstützen – politisch, wirtschaftlich, institutionell.
Und vielleicht auch dies: Wenn Männer seit Jahrzehnten Netzwerke pflegen und sich gegenseitig absichern, wäre es an der Zeit, Frauen dasselbe nicht länger als verdächtig, sondern als notwendig zu betrachten.
Gleichstellung ist kein ideologisches Projekt. Sie ist eine Frage von Vernunft. Und von Zukunft.
Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.