Zweifel bezüglich Social-Media-Verbot

Soziologin Quenzel bezweifelt Durchsetzbarkeit und ob gewünschte Effekte erzielt werden.
SCHWARZACH. Soziale Medien sind auch für Kinder und Jugendliche nicht nur schlecht. Sie eröffnen einen Zugang zu mehr Information und ermöglichen es, sich zu vernetzten: „Wenn man früher ein besonderes Hobby hatte, ist man eher einsam gewesen“, sagt Gudrun Quenzel beispielsweise: „Das ist heute anders, das ist ein großer Vorteil.“ Außerdem seien sie „unglaublich anregend“, stecke viel Kreativität drinnen: „Es ist nicht so wie beim Fernsehen, wo man nur davorsitzt. Man kann auch aktiv mitgestalten.“

Quenzel, Soziologin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, sieht aber auch die Gefahren. Durch die Nutzung sozialer Medien werde Bewegungsmangel massiv verstärkt. Außerdem würden sie emotionalisierend wirken, „und das in Verbindung mit einer Fülle, die ein Mensch nur schwer verarbeiten kann. Auch Erwachsene. Es geht einem schon nahe, wenn man einen Text über ein hungerndes Kind liest. Bei einem Bild, geschweige denn einem Video tut es das noch viel mehr. Bei jungen Leuten ist das insofern besonders schwerwiegend, als sie sich in der Pubertät durch den körperlichen und psychischen Wandel ohnehin schon in einer sehr emotionalen Phase befinden.“
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Zu alledem gibt es Zahlen: Laut einer großem österreichweiten Gesundheitserhebung 2021/22 verbrachten damals zum Beispiel 32 Prozent der 13-Jährigen fünf und mehr Stunden pro Tag am Smartphone. Nur 26 Prozent wiesen keinerlei Anzeichen für eine problematische Nutzung sozialer Medien auf. Bei 64 Prozent lagen leichte bis mittelschwere, bei zehn Prozent starke Anzeichen vor. Davon ist bei suchtähnlichen Symptomen wie Kontrollverlust, Entzugserscheinungen oder der Vernachlässigung anderer wichtiger Lebensbereiche die Rede.
In der Bundesregierung gibt es daher Pläne, die Nutzung sozialer Medien für unter 14-Jährige komplett zu verbieten. Die Idee möge ihren Charme haben, sagt Quenzel: „Ich schwanke jedoch.“ Die Intention sei verständlich. Man wolle junge Leute schützen: „Die Frage ist jedoch, ob man es technisch hinbekommt und ob man die gewünschten Effekte damit tatsächlich erreicht.“
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De facto gibt es ein solches Verbot bereits heute: Bei den meisten US-Anbietern beträgt das Mindestalter für Nutzer 13 Jahre, und die Datenschutz-Grundverordnung sieht für Österreich gar ein solches von 14 Jahren vor. Bloß: Es wird nicht ernstgenommen. Es müsste kontrolliert werden und wenn man das den Konzernen überlassen würde, würden sie zu noch mehr Daten kommen.
„Bei Verboten neigt man dazu, zu glauben, dass das Problem damit gelöst ist“, warnt Quenzel. Gerade Jugendliche, die sich auskennen, könnten schnell Wege finden, ein Verbot zu umgehen. Und selbst wenn man es verhindern könnte: Es würde schwierig werden, mit Kindern ein Social-Media-Training durchzuführen, damit sie ab 14 besser damit umgehen können: „Dann werden sie nämlich jedenfalls damit konfrontiert sein.“
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Außerdem stelle sich die Frage, ob sich junge Leute dann wieder mehr bewegen würden und sich ihre psychische Gesundheit wieder verbessere, so Quenzel: „Vielleicht ist dazu viel mehr notwendig. Möglicherweise wäre das Geld besser eingesetzt, wenn man es nicht in ein Verbot und seine Durchsetzung investieren würde, sondern in lebenskompetenzfördernde Maßnahmen und Sozialarbeit an Schulen etwa.“
Es gehe um ein größeres Problem: „Wir leben in anspruchsvollen Zeiten, sind mit so vielen Krisen und Veränderungen konfrontiert. Jugendliche haben wachsende Ansprüche an sich selbst. Es gibt schier unendlich viele Möglichkeiten, mit denen man umgehen können muss. Dafür ist Lebenskompetenz notwendig, die über den Umgang mit sozialen Medien hinausgeht.“