Zivildienstbedarf nur zu 83 Prozent abgedeckt

Vorarlberg / 08.02.2026 • 13:00 Uhr
Zivildiener Julien Scheibenstock - 2
Zivildiener Julien Scheibenstock ist hauptsächlich im Krankentransport beim Roten Kreuz tätig. Rotes Kreuz

Österreich sucht nach Lösungen für drohenden Zivildienermangel. Zwei Vorarlberger berichten, wieso sich der Zivildienst für sie lohnt.

Schwarzach Das Rote Kreuz Vorarlberg begleitet Julien Scheibenstock seit seiner Kindheit. Mehrere Familienmitglieder engagieren sich dort ehrenamtlich – ein Grund, warum sich der 21-jährige Feldkircher für den Zivildienst beim Roten Kreuz Vorarlberg entschied. Ausschlaggebend waren für ihn aber auch der Wunsch nach sozialem Engagement, beruflicher Orientierung und praktischer Erfahrung. Nach der Matura an der Handelsakademie wollte er bewusst nicht in die Wirtschaft, sondern mit Menschen arbeiten.

Nach einem halben Jahr Zivildienst in der Rotkreuz-Abteilung Hohenems im Krankentransport und Rettungsdienst fühlt sich Julien in seiner Entscheidung bestätigt: “Man bekommt einen guten Einblick ins Gesundheitswesen, eine fundierte sanitätsdienstliche Ausbildung und wertvolle Praxiserfahrung.” Besonders wichtig seien zudem Empathie, Stressresistenz sowie Ordnung und Hygiene. Er nehme fachliches Wissen, neue Freundschaften und die Gewissheit mit, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: “Ich möchte Medizin studieren. Und falls es nicht sofort klappt, kann ich mir gut vorstellen, zunächst hauptberuflich beim Roten Kreuz Vorarlberg zu arbeiten.”

Zivildiener Caritas
Zivildiener Samuel Benvenuti ist in der Kommunikation der Caritas-Zentrale tätig. Unter anderem ist er Co-Koordinator der jährlichen Christkindl-Aktion. Caritas

Auch der 20-jährige Samuel Benvenuti hat im Zivildienst seinen Platz gefunden. Als Zivildiener in der Caritas-Zentrale Feldkirch bringt er nach dem Abschluss der Handelsakademie Feldkirch im Zweig “Digital Business” seine digitalen und kommunikativen Kompetenzen ein. Er betreut die Website der Caritas Vorarlberg mit, erstellt Newsletter und Beiträge, pflegt Termine und Dokumente ein und unterstützt Spendenkampagnen. Ein Schwerpunkt war die Christkindl-Aktion von Oktober bis Dezember, bei der er die Verantwortung für die digitale Christkindl-App übernahm.

“Schon vor Beginn meines Zivildienstes war für mich klar, dass ich ein rechts- und wirtschaftswissenschaftliches Studium aufnehmen möchte”, sagt Benvenuti. Die vielfältigen Berufswege bei der Caritas hätten ihm jedoch gezeigt, dass Karrieren nicht immer geradlinig verlaufen müssen. Da er sich auch privat ehrenamtlich engagiert, kann er sich vorstellen, der Caritas auch nach dem Zivildienst verbunden zu bleiben.

Weniger Geburten, mehr Bedarf

Die positiven Erfahrungen können jedoch nicht über eine strukturelle Entwicklung hinwegtäuschen. Österreichweit liegt die Bedarfsabdeckung im Zivildienst bei 89,7 Prozent. In Vorarlberg waren im Vorjahr 910 Zivildiener im Einsatz. Laut Landesrat Daniel Allgäuer (FPÖ) liegt die Bedarfsabdeckung dort bei rund 83 Prozent, weshalb nicht alle Stellen besetzt werden können. Gründe seien der Rückgang der Geburtenrate und das steigende Interesse am Wehrdienst. Das Zivildienstgesetz ermögliche jedoch eine bevorzugte Zuweisung in besonders relevante Bereiche wie Rettungswesen, Katastrophenhilfe, Sozial- und Behindertenhilfe, Altenbetreuung und Krankenanstalten.

Im Vorjahr waren österreichweit knapp 15.000 Zivildiener im Einsatz. ÖVP-Zivildienstministerin Claudia Bauer (vormals Plakolm) spricht sich für eine Verlängerung des Zivildienstes auf bis zu ein Jahr sowie für den Ausbau von Zusatzausbildungen aus. Denn während 2007 noch 34.000 Burschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft geboren wurden, waren es 2025 nur noch 30.000. Entscheidet sich weiterhin rund die Hälfte für den Zivildienst, könnte das künftig etwa 2.000 Zivildiener weniger bedeuten. Gleichzeitig stieg der Bedarf zwischen 2005 und 2025 um rund 25 Prozent.

Interesse an großen Organisationen stabil

Auf Nachfrage bei zwei großen Organisationen zeigt sich noch kein Mangel. Daniel Peter, Zivildienst-Verantwortlicher beim Roten Kreuz, berichtet, dass die Nachfrage aktuell sogar etwas erhöht ist. 2025 konnten von den 250 bewilligten Plätzen 230 Plätze zugewiesen werden. Das Transportaufkommen steige aber kontinuierlich, daher wäre eine Vollabdeckung wünschenswert, sagt Peter. Aktuell gibt es noch Plätze für April, Mai und Juni. Auch die Caritas Vorarlberg konnte ihren Bedarf in der Regel decken. 2025 waren dort 135 Zivildiener im Einsatz. Caritasdirektor Walter Schmolly betont die zentrale Bedeutung des Zivildienstes für sozialen Zusammenhalt und spricht sich klar für eine Stärkung des Systems aus.