“Die Leute informieren sich nicht und denken sich nichts dabei” – Lawinengefahr in Vorarlberg

Vorarlberg / 19.02.2026 • 15:07 Uhr
"Die Leute informieren sich nicht und denken sich nichts dabei" - Lawinengefahr in Vorarlberg
Hanno Dönz beobachtet unbedachtes und gefährliches Verhalten abseits der Pisten, trotz aller Risiken. APA, Privat

Allein am Mittwoch starben in Vorarlberg und Tirol drei Menschen abseits der Pisten.

Von Julia Böcken und Matthias Rauch

Schwarzach Im Westen Österreichs gilt seit Tagen in den höheren Lagen Lawinenwarnstufe 4, in den tieferen Lagen beinahe flächendeckend Lawinenwarnstufe 3. Dennoch wagen sich immer wieder Wintersportler in den freien Skiraum – und längst nicht alle sind entsprechend ausgestattet. Allein am Mittwoch starben in Tirol und Vorarlberg drei Wintersportler. Mindestens zwei von ihnen waren ohne die notwendige Ausrüstung im Gelände.

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Todesfälle im freien Skiraum

Am Sonnenkopf wurde ein 42-jähriger Snowboarder im freien Skiraum von einer vom ihm ausgelösten Schneebrett verschüttet. Sein 15-jähriger Sohn setzte den Notruf ab. Der Deutsche war ohne LVS-Gerät unterwegs, er konnte nach einer Stunde nur mehr tot geborgen werden. In Fiss lösten ein 71-jähriger Deutscher, sein 41-jähriger Sohn und ein 34-jähriger Niederländer im freien Skiraum ebenfalls ein Schneebrett aus. Alle drei wurden erfasst und verschüttet. Der 41-Jährige konnte sich selbst und den Niederländer befreien. Der 71-Jährige, als einziger der drei ohne LVS-Gerät, konnte von einem Lawinensuchhund erst eine Stunde später geortet werden.

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Zwei Österreicher wollten beim tirolerischen Kirchberg ebenfalls in einen Steilhang einfahren, als sich die Schneemassen in Bewegung setzten. Ein 20-Jähriger wurde 250 Meter weit über eine steile Rinne mitgerissen. Sein Begleiter und sechs weitere Freerider starteten die Suche. Nach 20 Minuten war der Verschüttete aus einer Tiefe von zwei Meter ausgegraben, die Reanimation glückte. Er ist im kritischen Zustand. Der 20-Jährige hatte sein LVS-Gerät bei sich.

Bergführer Hanno Dönz mahnt zur Vorsicht

Hanno Dönz, Bergführer, Bergretter und erfahrener Skitourengeher, bewertet die derzeitige Lawinenlage als tückischer und gefährlicher als in einem durchschnittlichen Winter. Aufgrund der langen Kaltphase ohne nennenswerten Niederschlag zu Beginn des Winters konnte sich der Schnee aufbauend umwandeln. Kantige Kristalle, die wie grobes Salz aussehen und keine Bindung haben, liegen nun unter dem Neuschnee und bilden eine „ganz schlechte Unterlage“. Eine ausgedehnte Schwachschicht in der Altschneedecke ist die Folge. Diese Schwachschicht ist von außen nicht erkennbar, weshalb Wintersportler sehr leicht eine Lawine auslösen können. „Ein kleines Schneebrett wird dann zu einer riesigen Lawine“, erklärt Dönz.

Bergführer Hanno Dönz
Für Bergführer Hanno Dönz ist die aktuelle Lawinensituation sehr heikel. Zurückhaltung ist geboten. Privat

Man sagt auch: „Schneearme Winter sind gefährliche Winter“, so der Schrunser. Die Schneehöhe ist trotz des Neuschnees in diesem Winter unterdurchschnittlich und die Hälfte der Schneedecke besteht aus diesen Schwachschichten. An einen so schwachen Schneedeckenaufbau kann sich Dönz, der seit 50 Jahren Skitouren geht, nicht erinnern. „Man muss sehr vorsichtig und defensiv unterwegs sein“, mahnt Dönz.

Gefährliches Wochenende

Er rechnet damit, dass es am Wochenende zu weiteren Lawinenabgängen kommen wird. „Wenn jetzt das Wetter schön wird, dann kracht’s.“ Bereits am Mittwoch hat er es in Gargellen beobachtet: „Die Leute gehen ins Gelände, obwohl sie weder Ahnung noch Ausrüstung haben.“ Er habe eine Familie mit Kindern gesehen, die bei Lawinenwarnstufe 4 die steilsten Hänge abseits der gesicherten Pisten hinuntergefahren ist. Etliche Freerider, ebenfalls ohne Ausrüstung, waren im Tiefschnee unterwegs. „Wenig später lag eine Lawine über ihren Spuren“, sagt der Bergführer.

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„Die Leute informieren sich nicht und denken sich nichts dabei. Die gehen einfach.“ Nicht nur Touristen seien gefährdet, sondern auch Einheimische. „Es gibt erfahrene Skitourengeher, die zu offensiv, zu frech unterwegs sind.“

Prävention bleibt wichtig

Parallel bemühen sich Alpinverbände, die Bergrettung und Sicheres Vorarlberg seit Jahren, die Wintersportler entsprechend vorzubereiten. “Es sind mittlerweile sehr viele Sportler abseits der gesicherten Pisten unterwegs und die Mehrheit macht dies sehr vernünftig und mit dem notwendigen Maß an Respekt”, betont Mario Amann von Sicheres Vorarlberg. “Oftmals ist es ein Unterschätzen der Risiken und Gefahren im freien Gelände durch eine falsche Risikowahrnehmung”, warnt er.

"Die Leute informieren sich nicht und denken sich nichts dabei" - Lawinengefahr in Vorarlberg
Mario Amann will weiter auf Prävention setzen.VN

Hier helfe auch nicht, dass Inhalte in den sozialen Netzwerken und der Werbung das Abenteuer abseits der Piste als harmlos darstellen. Vielen sei die Gefahr nicht bewusst. Davor warnt auch Andreas Pecl, staatlich geprüfter Bergführer und Sachverständiger: Die weiße Schneedecke sei trügerisch, ein Wolf im Schafspelz. Er verweist auf das breite Informationsangebot, etwa den Lawinenwarnbericht oder die App SnowSafe.

Eigenverantwortung

Es gebe natürlich auch Unverbesserliche. Hier müsse der Kostendruck wohl zu einem Umdenken führen: Etwa, wenn private Versicherungen nicht mehr die vollen Kosten übernehmen oder die Bergungen noch spürbarer zu Buche schlagen. Sicheres Vorarlberg und seine Partner wollen dranbleiben, betont Amann: “Darum werden wir, auch in Kooperation mit den Alpinvereinen, weiterhin informieren, sensibilisieren und ausbilden.” 

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