Vom Ministranten zum Seelsorge-Leiter

Vorarlberg / 22.02.2026 • 15:00 Uhr
Vom Ministranten zum Seelsorge-Leiter
Raphael Latzer ist der Nachfolger von Sepp Gröfler. Dieser leitete die Telefonseelsorge Vorarlberg mehr als 25 Jahre.

Als Teenager wollte Raphael Latzer Pfarrer werden. Heute ist er der neue Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg.

Feldkirch Raphael Latzer wuchs in Nenzing auf. Neben seinem Zuhause bot ihm auch die Pfarre Nenzing ein Stück Heimat. Raphael Latzer (36) ministrierte als Bub und Jugendlicher mit Leib und Seele. “Mir gefiel der Zusammenhalt unter den Messdienern. Ich fand unter ihnen Freunde.” Und weil er Verantwortung nie gescheut hat und gerne mitgestaltet, war er nach einer Ausbildung als Ministrantengruppenleiter tätig und engagierte sich dann auch noch im Vorstand der Katholischen Jugend und Jungschar.

Mit 15 wollte der Nenzinger Pfarrer werden. Diese Idee ließ ihn zwei Jahre nicht los. “Aber dann hatte ich eine Freundin. Deshalb verwarf ich diesen Plan.” Durch seine Tätigkeiten für die Pfarre entwickelte sich sein Glaube. Mit 18 veränderte sich sein Gottesbild. Sein Verständnis von Gott wurde reifer. “Ich entwickelte ein stärkeres Vertrauen in Gott und empfand mehr Dankbarkeit im Alltag. Ich bin auch für die kleinen Dinge des Lebens dankbar, und sei es nur ein Sonnenstrahl, der auf mein Gesicht fällt.” Latzer ist überzeugt, dass alles, was passiert, einen Grund hat, “auch wenn ich diesen nicht gleich verstehe. Das macht mich gelassen.”

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Der neue Leiter der Telefonseelsorge an seinem Arbeitsplatz.

Beruflich schlug der Absolvent der Fachschule für Maschinenbau zunächst einen technischen Weg ein. Ein Jahr lang arbeitete er als Maschinenbauer. “Doch ich merkte schnell, dass es mich zu Menschen zog. Deshalb wollte ich in den Sozialbereich wechseln.” Dazu holte er zunächst die Studienberechtigung nach. Danach studierte er berufsbegleitend Sozialpädagogik. Während des Studiums arbeitete er in einer Einrichtung der Kleinkinderbetreuung in Feldkirch.

Seine ersten beruflichen Erfahrungen als Sozialpädagoge machte er in einer Wohngruppe des Vorarlberger Kinderdorfes. Dort arbeitete er mit Kindern und Jugendlichen, die sich im sozialen Umfeld schwertaten. “Gewalt war bei dieser Arbeit immer wieder ein Thema. Deshalb absolvierte ich einen Gewaltpädagogik-Lehrgang.” Nach sieben Jahren wechselte er in die IfS-Gewaltberatung. “Ich habe Täterberatung gemacht. Die Arbeit gefiel mir. Aber ich machte sie nur ein paar Monate, weil es zu Umstrukturierungen kam.”

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In der Coronavirus-Pandemie entdeckte Raphael Latzer das Drechseln für sich. Latzer kaufte sich eine Drechselbank. Er stellt unter anderem Schalen aus Holz her, Urnen, Vasen und Bieröffner.

In dieser Zeit sah sich der Vater zweier Söhne nach einem Ehrenamt um. “Ich wollte Menschen in psychisch schwierigen Lebenssituationen begleiten.” Im Jahr 2017 begann er ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge zu arbeiten. Bald merkte er, dass diese Arbeit “pure Seelsorge” ist. “Du bist da und hörst zu.” Die freiwillige Tätigkeit führte ihn mitten ins Leben. “Du wirst mit allem konfrontiert.”

Beruflich startete Latzer in dieser Zeit wieder neu durch. “Ich begann bei der Firma ‚Synergie-Jugendhilfe‘ zu arbeiten. Im Auftrag der Bezirkshauptmannschaften begleiteten wir Familien in schwierigen Situationen.” Die ambulante Elternberatung empfand Latzer als sehr erfüllend. “Man muss Eltern stärken, damit Kinder auch daheim gut begleitet werden.” Sieben Jahre besuchte und betreute er Familien im ganzen Land. “Ich fühlte mich wohl dabei. Aber es war auch eine Herausforderung.”

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Raphael Latzer arbeitete acht Jahre ehrenamtlich für die Telefonseelsorge Vorarlberg.

Als es um die Nachfolge von Sepp Gröfler ging, dem Leiter der Telefonseelsorge (TS) Vorarlberg, bewarb sich Latzer. Denn: “Eine sinnstiftendere Arbeit kann ich mir nicht vorstellen. Es ist das Gegenteil von Egoismus. Meine Meinung zählt nicht, wenn ich vollkommen beim Anrufer bin. Wenn es gelingt, sich ganz zurückzunehmen, dann bleibt Raum für den Anrufer.” Zu seiner großen Freude setzte er sich im Bewerbungsverfahren durch. Als neuer TS-Leiter ist es sein erstrangiges Anliegen, “dass es den 94 ehrenamtlichen Mitarbeitern gut geht. Dann können wir gut telefonieren, mailen und chatten. Denn es funktioniert nur, wenn man sich selbst wohlfühlt.”

Raphael Latzer

geboren 20. Juni 1989 in Schruns

Wohnort Feldkirch

Beruf Sozialpädagoge

Familie verheiratet, zwei Söhne

Hobbys Drechseln, Computerspiele