“15 Minuten entscheiden über Leben und Tod” – Dornbirner Notarzt warnt vor Naturgewalt Lawine

Frischer Pulverschnee, perfekte Bedingungen – und doch schwebt unsichtbare Gefahr über den Hängen. Notarzt Claus Rädler, seit Jahren mit dem Hubschrauber im Einsatz, warnt: Bei einer Lawine entscheiden Minuten über Leben und Tod.
Darum geht’s:
- Erhebliche Lawinengefahr, bereits 26 Tote in Österreich.
- Schnelle Rettung entscheidend, Überlebensrate sinkt nach 15 Minuten.
- Verharmlosende Wahrnehmung und Risikoverhalten problematisch.
Dornbirn Der Alpenraum zeigt sich dieser Tage von seiner schönsten Seite: frischer Schnee, glitzernde Hänge, eine fast andächtige Stille. Ein idyllisches Bild, das Sicherheit suggeriert. Doch genau darin liegt die Gefahr: Denn es herrscht vielerorts nach wie vor erhebliche Lawinengefahr. Diese Saison haben Lawinen in Österreich bereits 26 Menschen das Leben gekostet, zwei in Vorarlberg.

Einer, der weiß, wie tückisch diese winterliche Idylle sein kann, ist Dr. Claus Rädler. Seit 2009 fliegt er als Notarzt mit dem Rettungshubschrauber Christophorus 8 zu Einsätzen in die Berge, seit 18 Jahren arbeitet er im Stadtkrankenhaus Dornbirn. Mit 1. März übernimmt er dort außerdem das Primariat der Anästhesie und Intensivmedizin und leitet ein 26-köpfiges Team. Verantwortung ist sowohl im OP als auch im alpinen Gelände sein beruflicher Alltag.

Wenn er frühmorgens zu einem der vier Stützpunkte fährt, geht ihm oft ein Gedanke durch den Kopf: “Die Leute, die ich heute holen werde, liegen wahrscheinlich noch im Bett.” Wenig später kann für manche alles anders sein. Gemeinsam mit Pilot und Flugretter bildet er eine Dreier-Crew.

Materialcheck, Maschinencheck, ein rasches Frühstück, sofern Zeit bleibt. “Wenn ein Pager-Alarm eingeht, sind es zwei bis drei Minuten, bis wir in der Luft sind”, gibt der 52-Jährige Einblick in seine Arbeit. Allein am vergangenen Freitag war er drei Mal im Lawineneinsatz in Damüls.

Ob Menschen verschüttet sind, weiß zum Zeitpunkt der Alarmierung niemand. Beim Überflug verschafft sich die Crew einen ersten Überblick, sucht einen geeigneten Landeplatz – immer mit dem Risiko möglicher Nachlawinen im Hinterkopf. “Lawinen sind eine Naturgewalt”, sagt Rädler. “Und diese lässt sich nur schwer antizipieren.”
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Bei Lawinen entscheidet Zeit über Leben und Tod. “Innerhalb der ersten 15 Minuten liegt die Überlebensrate bei rund 90 Prozent”, erklärt er. Danach kippt die Statistik dramatisch: Nach 30 bis 45 Minuten leben nur noch etwa 20 Prozent der Verschütteten. In drei Vierteln der Fälle sei Erstickung die Todesursache: “Die Atemwege sind verlegt oder der Druck der Schneemassen verhindert die Atmung.” Rund 20 Prozent erliegen sofort schwersten Verletzungen, nur sehr wenige sterben an Unterkühlung. Eine rettende Atemhöhle bilde sich selten.

Kameradenrettung entscheidend
Umso entscheidender sei die sogenannte Kameradenrettung. “Lawinenverschüttungen sind ein Wettlauf gegen die Zeit. Die ersten 15 Minuten müssen diejenigen bewältigen, die dabei sind”, unterstreicht der Notarzt. Bis Notruf, Alarmierung und Anflug abgeschlossen sind, vergeht wertvolle Zeit. Und selbst dann beginnt die Suche beim Lawinenkegel mit zahlreichen Einsatzkräften, Lawinenhund, LVS-Gerät und Sondierungskette erst.

Was Rädler besonders beschäftigt, ist die trügerische Wahrnehmung. “Bei einer Sturmwarnung am Bodensee geht niemand ins Wasser”, sagt er. “Aber Lawinengefahr sieht man oft nicht.” Warnungen würden auch immer wieder ignoriert. Airbag, LVS, Schaufel und Sonde seien reine Notausrüstungen, betont er.
Warnstufen überarbeiten?
Auch das Warnsystem selbst sieht er kritisch. Die fünfstufige Skala mit Begriffen wie “mäßig” könne verharmlosend wirken. In Fachkreisen werde daher diskutiert, ob Begriffe und Darstellung geschärft werden müssten. “Bei Warnstufe 3 denken manche: Das wird schon gehen.” Dabei passieren die meisten Lawinenunfälle bei eben jener Stufe.

“Respekt vor der Natur ist weniger geworden”
Hat sich das Risikoverhalten verändert? “Ich habe das Gefühl, der Respekt vor der Natur ist weniger geworden.” Der Reiz des unberührten Hangs, der Pulverschnee, das perfekte Foto, all das überlagere die reale Gefahr. Auch für die Einsatzkräfte sind Bergungen mental und körperlich fordernd. “Die Verschütteten sind häufig junge Menschen, die Familien hinterlassen.”

Sein Appell ist schlicht und eindringlich. Ein Satz, den er von seinem Vater übernommen hat und jedem, der ins Gelände aufbricht, mitgeben möchte: “Eine Tour ist erst vorbei, wenn du wieder gesund daheim bist.”