“Brandgefährlich”: Warum Skitourengehen derzeit zum Risiko wird

Vorarlberg / 06.03.2026 • 12:21 Uhr

Ein erfahrener Vorarlberger Skitourengeher warnt vor der aktuellen Lawinenlage. Trotz Stufe 1 geriet er 2013 selbst in eine Lawine. Warum der Boom seit Corona anhält, was Anfänger wissen müssen – und weshalb er heute nie mehr allein losgeht.

Skitourengeher Michael Köchle im Gespräch mit “Vorarlberg live”. Seit fast 40 Jahren ist er im Gelände unterwegs – und weiß, wie schnell sich ein Traumtag in den Bergen in einen Albtraum verwandeln kann.

Ein Winter mit heikler Schneedecke

“Der Schneeaufbau ist total unglücklich”, erklärt Köchle. Unten harter Altschnee, darüber in der vergangenen Woche teils mehr als ein Meter Neuschnee. Eine klassische Schwachschicht-Konstellation. “Die aktuelle Situation ist brandgefährlich.”

Fünf Lawinenwarnstufen gibt es – von 1 (gering) bis 5 (sehr groß). Stufe 4 bedeutet: Spontane Lawinen sind wahrscheinlich, schon geringe Zusatzbelastung kann Schneebretter auslösen.

Für Köchle ist klar: “Alles über Stufe 3 – bitte weg.”

Das ganze Interview:

Als er in den 1980er-Jahren mit dem Skitourengehen begann, war das anders. “Da warst du eher ein Einzelgänger. Man wurde belächelt.” Heute stehen auf manchen Parkplätzen statt zwei oder drei Autos gleich hundert.

Spätestens seit der Corona-Pandemie erlebt der Sport einen Boom. Die Ausrüstung ist leichter, vielfältiger, technisch ausgereifter. “Früher gab es ein, zwei Hersteller. Heute produziert praktisch jeder”, sagt Köchle.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Doch mit der Popularität steigt auch das Risiko. Viele Anfänger weichen auf gesicherte Pisten aus und steigen am Rand hinauf. Für Köchle hat das mit klassischem Skitourengehen wenig zu tun: “Da fehlt mir der natürliche Genuss vom Berg.” Zudem sei es mitunter gefährlich, wenn ungeübte Abfahrer auf aufsteigende Tourengeher treffen.

"Brandgefährlich": Warum Skitourengehen derzeit zum Risiko wird
Dennis Strobel mit dem Skitourengeher Michael Köchle. ©Ländle TV

Lawinenstufe 1 – und trotzdem verschüttet

Dass selbst vermeintliche Sicherheit trügerisch sein kann, erlebte Köchle im Jahr 2013 im Großen Walsertal. Ein steiler, kaum begangener Hang, 45 bis 50 Grad Neigung. “Lawinenstufe war damals 1, also relativ sicher.”

Oben eine dünne, etwa zehn Zentimeter starke Neuschneeschicht auf hartem Untergrund. Ein Detail, das er heute als Warnsignal sieht. “Ich habe mich verlassen auf Stufe 1. Ich hätte sehen müssen: Der Untergrund ist hart, oben liegt eine leichte Schneedecke.”

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Beim Anfahren brach unter ihm die Schneedecke. “Es war stockdunkel. Ich habe keine Luft mehr erwischt.” Rund 300 bis 400 Meter wurde er in einer schmalen Rinne mitgerissen. “Du hast keine Orientierung. Mund voll Schnee, Nase zu. Du bist in der Schneemasse gefangen.”

Dass er überlebte, war Glück. Die Lawine lief in eine flachere Zone aus, der Schnee verteilte sich. Köchle ragte noch teilweise heraus und wurde von seinen Begleitern ausgegraben. Skier und Stöcke waren großteils verschüttet. Mit einem Ski fuhr er ins Tal ab.

“Ich hatte massives Glück”, sagt er heute nüchtern.

Ländle TV
Skitourengeher Michael Köchle

Den Berg “lesen” lernen

Was bleibt nach so einem Erlebnis? Respekt. Und Demut. “Im Gelände gibt es nie eine Garantie.”

Köchle spricht vom “Berg lesen”. Schneeverwehungen, eingewehte Wellen im Hang, Wächten – alles Hinweise auf gefährliche Triebschneeansammlungen. Besonders ernst zu nehmen seien sogenannte “Wummgeräusche”: “Du läufst, und plötzlich hast du das Gefühl, die ganze Schneedecke bricht leicht ein. Das ist brandgefährlich.”

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Sein wichtigster Rat: nie allein gehen. “Früher war ich relativ oft komplett allein unterwegs. Das würde ich heute nie mehr machen.” Schon eine kleine Verletzung könne im abgelegenen Gelände dramatische Folgen haben – Handyempfang inklusive.

Anfänger sollten sich erfahrenen Tourengehern anschließen, einfache Routen wählen, Hänge über 30 bis 35 Grad meiden und ihre Kondition realistisch einschätzen. “Das Restrisiko ist immer vorhanden.”

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Die Faszination bleibt

Trotz allem ist die Leidenschaft geblieben. Köchle war in Chamonix, bestieg nach vier Anläufen den Mont Blanc, absolvierte die Haute Route von Chamonix nach Zermatt, war in den Ostalpen unterwegs. Ziele außerhalb Europas reizen ihn heute nicht mehr. “Es genügt alles, was in Europa ist. Da haben wir tolle Berge.”

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Die Saison dauert für ihn – je nach Schneelage – von November bis in den Frühsommer. Und wenn der Schnee schmilzt, tauscht er die Tourenski gegen das Mountainbike.

Der Trend zum Skitourengehen werde weiter anhalten, glaubt er. Begrüßen kann er das nur bedingt. Denn eines hat er in vier Jahrzehnten gelernt: “Der Berg verzeiht keinen Fehler.”

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

(VOL.AT)