Kolumne: Wo bin ich?
Er sei, erzählte er, in der ersten Klasse gewesen, da sei er in den Keller der Schule hinabgestiegen und habe nicht mehr herausgefunden. Einmal ging er von links nach rechts, von Wand zu Wand, Haken waren befestigt, an denen nichts hing. Dann lief er von der Tür zur Wand, die Tür war aus Eisen und schwer. Wenn sie zufällt, hatte er sich gedacht, bin ich verloren. Da war sie zugefallen. Kein Fenster war, keine Luft, er hatte sich überlegt, ob Luft einfach ganz verschwinden könnte, und es dann luftlos wäre. Und wenn ich rufe, wenn ich schreie, niemand wird mich hören, weil die Wände so dick sind. Er klopfte mit seinen Fingerknöcheln an die Wand und an die Tür, bis sie blutig waren. Nein, das Wort „luftlos“ gibt es nicht. Wie war er überhaupt hierher gekommen? Sie hatten Fangen gespielt, und er war eine Treppe hinuntergerannt, weiter, bis er in diesem Raum mit der offenen Tür gelandet war. Und die war jetzt zu. Niemand war ihm gefolgt. Weil ich nicht wichtig bin, hatte er sich eingebildet, der Nichtwichtigste in der Klasse. Das muss unwichtig heißen, „nichtwichtig“ gibt es, aber nicht als Wort.
Er fror.
Jetzt, als Erwachsener, war ihm das alles wieder in den Sinn gekommen, und er war sich beinahe sicher, dass er damals geträumt hatte, nur geträumt, in seinem Bett. Unter der wolkigen Zudecke. Die Mama kam und weckte ihn, und er dachte, sie ist so stark meine Mama, stärker als jeder Mann, und sie hat die Tür nur mit einer Hand geöffnet.
„Danke Mama“, sagte er als Erwachsener, jetzt sagte er es. Er saß in einem Wartezimmer bei einem Herzspezialisten und wartete, bis er aufgerufen wurde. Zwei Menschen waren noch vor ihm, übergewichtige Männer in T-Shirts. Nie würde er so angezogen zu einem Arzt gehen. Er trug einen Anzug wie zu einer Beerdigung. Schwarz. Überhaupt war alles schwarz, was er trug, Er roch an seinen Fingerkuppen und nahm keinen Geruch war. Ob das ein schlechtes Zeichen war? Hätte er nur nach seinem Rasierwasser gerochen! Er schaute auf seine schwarzen Schuhe, glanzgerieben mit einer alten Socke, hin und her, bis das Leder spiegelte. Er hatte den Patienten nicht herauskommen sehen. War er kurt ohnmächtig geworden? Nur noch ein Mann war vor ihm. Er wünschte sich, der Mann im T-Shirt, würde etwas zu ihm sagen. Ob er denke, wann endlich der Frühling komme, oder Ähnliches. Er saß stumm, kam sich vor, als schrumpfe er. Da ging die Tür auf und anstelle des Arztes war es die Mama, die ihn zu sich hereinbat.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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