Kolumne: Ehe
Mein Mann sagt, dass er das Wort „Ehe“ hasst, so wie er das Wort „Sessel“ hasst. So sind wir Schriftsteller.
Wir bilden uns ein, genau zu wissen, was der andere denkt, selbst wenn wir es nicht unbedingt wissen wollten. Natürlich weiß ich wie auch mein Mann, dass das Unsinn ist.
Ein Freund, dessen Frau gestorben ist und er sich eine Neue genommen hatte, sagte: „Ich habe mit der Neuen Schluss gemacht, weil sie die Lieder nicht kannte, die mir und meiner Frau vertraut gewesen waren.“
So ist das mit der Erinnerung, mit der lieben Gewohnheit. Wenn mein Mann einmal vergisst, was er nie vergisst, aber, sollte er es vergessen, nämlich mir das Brett aufzuschlagen, wäre ich beunruhigt. Ehe ist Erinnerung. Wir sind keine wilden Geschöpfe. Wir denken und denken übereinander nach. Wir sind unfertig und wissen, dass wir sterben müssen. Noch haben wir Zeit, und Zeit ist das Feuer, in dem wir stehen. Sollte das tägliche Feuer verlöschen, sind wir Geister. Rieche ich sein Essen nicht mehr, ist etwas kaputt gegangen.
Einmal sagte meine Tochter zu mir: „Ich will ein guter Mensch sein, aber das ist so schwer, und auch so langweilig, viel aufregender ist es, ein verdorbener Mensch zu sein.“
„Um dann zu bereuen“, sage ich.
Mein Mann und ich, wir passen aufeinander auf.
„Nimm dein Aspirin“, sage ich zu ihm, „es verhindert, dass sich Blutgerinnsel bilden.“
„Das weiß ich doch“, sagt mein Mann.
Er verwendet eine schöne Formulierung, und ich frage ihn: „Schenkst du mir die?“
Ich trage meinen Ehering an einer Kette um den Hals. Das scheint zu funktionieren.
Wenn ich zornig bin, sage ich zu ihm: „Du hättest eine wie B. heiraten sollen.“
„Wenn ich eine wie B. heiraten wollte, hätte ich eine wie B. geheiratet“, sagt er.
Wenn ich weine, trage ich eine Sonnenbrille, weil das sonst peinlich ist.
Der Himmel ist dunkel, als ich um vier Uhr aufwache. Ich tappe durch das stille Haus und versuche, nicht laut zu sein. Ich wärme Milch und suche die Ovomaltine. Wenn keine mehr da ist, gebe ich die Milch der Katze, obwohl ich weiß, dass ihr nicht gut tut.
Ich habe die Fähigkeit verloren, normale Kontakte zu pflegen, die ich früher sparsam betrieben hatte. Jetzt fällt es mir schwer, und ich denke, ich kann den Freunden ja nichts bieten. Ich weiß nicht, was ich reden soll. Ich kann mich nicht konzentrieren und denke meine Gedanken. Wenn ich dann rede, höre ich mir selber zu und ärgere mich. Ich bin nicht mehr so widerstandsfähig, wie ich einmal war, krieg keinen Handstand mehr hin, nicht einmal an der geschlossenen Tür.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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