Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Yorick

Vorarlberg / 16.04.2026 • 11:13 Uhr

Ich bin der Narr.

Zu meinem fünften Geburtstag bekam ich einen Hund geschenkt, einen kleinen Welpen, der sich an meinen Hals schmiegte, als sie beide am Boden im Schlafzimmer von meinen Eltern lagen. Und weil da ein Spiegel war, schauten sie sich darin an, und ich sah zwei kleine blonde Hunde. Als ich sie anfasste, war da ein Hund. Das wollte ich verstecken. Ich rannte zur Tür hinaus und schlug mit dem Hintern die Tür hinter sich zu, damit der andere ihm nicht nachliefe. Draußen im Freien war er kein Hündchen mehr. – Dies zum Ersten.

Später, als ich bereits in der Schule war, lauerten mir böse Buben unten beim Bach auf. Sie waren älter als ich und breiter in den Schultern und hatten Prügel dabei. Im selben Augenblick, als der größte von ihnen ausholte auf den Kopf zu, verwandelte ich mich in eine Laterne, die stand nun nahe am Wasser, wo keine Laternen hingehören. Das hätten die bösen Buben niemandem erzählen können, ohne dass sie hämisch ausgelacht worden wären, darum schwiegen sie darüber. Aber sie hatten Angst vor mir, denn wer so etwas kann, kann auch anderes.

Drittens: Die Schule war fertig, ich, vierzehn Jahre alt, lehnte zusammen mit einem Freund an das Geländer einer Brücke, das Geländer brach, und ich stürzte hinunter, über acht Meter, in den schäumenden, brüllenden Fluss. Da war ich frisch im Kopf und klar und sagte mir, das werde ich nur überleben, wenn ich selbst Wasser werde. Da wurde ich Wasser und überlebte. Der Freund aber meldete, Yorick sei verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Man suchte Tag und Nacht. Wie kann man Wasser in einem Fluss finden?  Ich beschloss, bis zur Mündung Wasser zu bleiben. – Das blieb ich. So hatte ich meine Heimat verlassen. Was mich traurig machte. Ich vermisstemeinen Eltern. Ich wollte und konnte mich nicht mehr verwandeln. Da beschloss ich mit ungerheurer Geisteskraft mich für Shakespeare interessant zu machen, mich als seinen Narren anzubieten. Er hörte mich an und verwendete mich fortan in einigen seiner Stücke.

In seinem  Theaterstück “König Lear” fühlte ich mich sicher, da hatte ich eine ehrenwerte Aufgabe, nämlich den alten Lear zur Vernunft zu bringen, es war nicht leicht, verblendet wie er war. Ich konnte ihm ungestraft die Wahrheit sagen. Ich habe ihn in seinem Wahnsinn in den Sturm begleitet. Ich war immer an seiner Seite, sah seine innere Nacktheit und konnte ihn trösten.

Den Beruf des Narren behielt ich bei.