“Wenn die Naht reißt, sieht es die ganze Welt” – Lenka Radecky ist Leiterin der Kostümabteilung der Bregenzer Festspiele

In der Werkstatt der Bregenzer Festspiele baut Lenka Radecky echtes Handwerk auf, bevor es endgültig verschwindet.
BREGENZ Lenka Radecky steht früh am Morgen in der Kostümwerkstatt der Bregenzer Festspiele. Durch die großen Fenster fällt Licht vom Bodensee herein, Stoffe liegen auf langen Tischen, eine Schneiderin steckt die Nadeln in ein halbfertiges Kleid. Radecky bleibt kurz stehen, streicht über einen Stoff, prüft eine Naht. “Das muss halten – und wirken”, sagt sie leise. Für die Leiterin der Kostümabteilung der Bregenzer Festspiele ist dieser Ort mehr als Arbeitsplatz – er ist das Ergebnis einer Vision, die sie seit ihrer Jugend begleitet.

Geboren in der Schweiz als Tochter tschechischer Eltern, geprägt von mehreren Sprachen und Kulturen, wusste Radecky früh, wohin ihr Weg führen soll. “Mit dreizehn oder vierzehn war klar: Ich will ins Kostüm”, erzählt sie. Ein Berufswunsch, der damals schwer greifbar war. Doch sie blieb dran, suchte sich ihren Weg – und traf auf Menschen, die sie prägten. “Mentoren, die mich gefördert und inspiriert haben. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen.”
Ohne Fleiß kein Preis
Was nach geradliniger Karriere klingt, war vor allem eines: Arbeit. “90 Prozent harte Arbeit, 10 Prozent Kunst”, sagt Radecky. Ein Satz, der ihr Selbstverständnis bis heute beschreibt. Theater sei kein Job von neun bis fünf, sondern eine Haltung. “Man muss es wirklich wollen – und durchhalten.”

Geprägt haben sie vor allem ihre Jahre an der Bayerischen Staatsoper in München. Mitte der 1990er-Jahre arbeitete sie dort als Kostümassistentin – in einer der damals führenden Werkstätten Europas. “Was ich dort gelernt habe, begleitet mich bis heute”, sagt sie. Techniken, die in keinem Lehrbuch stehen, ein Verständnis für Handwerk, das über Generationen weitergegeben wurde. Dieses Wissen ist für sie heute Verpflichtung: “Ich möchte es weitergeben.”
Alle Kostüme werden im Haus produziert
Nach Stationen als freischaffende Kostümbildnerin auf internationalen Bühnen, kam Radecky 2018 nach Bregenz – mit einer klaren Aufgabe: eine Kostümabteilung aufzubauen, die es so noch nicht gab. “Hier wurde früher vieles extern vergeben”, sagt sie. Heute entsteht alles vor Ort: Vom ersten Entwurf bis zum letzten Knopf.

Acht Jahre später steht ein Team, das international mithalten kann. Vier Lehrlinge wurden bereits ausgebildet. “Das war mir besonders wichtig”, betont Radecky. Denn gerade im Kostümhandwerk gehe Wissen zunehmend verloren. “Wir haben heute unendlich viele Möglichkeiten – Materialien, Technik, Internet. Aber das alte Wissen darf nicht verschwinden.”

Diese Verbindung aus Tradition und Moderne treibt sie an. Während früher mit Büchern und Zeichnungen gearbeitet wurde, stehen heute digitale Welten offen. “Beides zusammenzubringen – das ist spannend.”
Trotz aller Leidenschaft bleibt der Alltag eine Gratwanderung zwischen Perfektion und Realität. Zeitpläne, Budgets, große Produktionen: “Man muss die Balance finden”, sagt sie. Ihre Regel: “Etwas sehr Aufwendiges braucht einen Ausgleich.” Perfektion sei wichtig – aber immer im Verhältnis.

Weniger Verständnis hat sie für Entwicklungen außerhalb des Theaters. “Bei Fast Fashion blutet mir das Herz”, sagt Radecky. Nicht nur wegen der Qualität, sondern wegen der Produktionsbedingungen. Nachhaltigkeit sei auch im Kostüm ein Thema – vielleicht sogar mehr denn je.

Und doch beginnt alles mit Emotion. Wie damals, als sie als Kind in Griechenland ein weißes Kleid entdeckte, in das sie sich “schockverliebt” habe. “Ich wollte es unbedingt – und habe es bekommen.” Eine Erinnerung, die geblieben ist. Vielleicht, weil sie zeigt, was Kleidung sein kann: mehr als Stoff. Ein Gefühl.
Lenka Radecky
Geboren: 1971 in Prag
Familienstand: verheiratet mit einem Opernsänger
Hobbys: Schwimmen und viel Sport, Reisen und Kulturen entdecken
Lebensmotto: Ich habe immer eine Vision