Spagat zwischen Pflege und Bürokratie

Vorarlberg / 11.05.2026 • 14:45 Uhr
Tag der Pflege
Angelika Mischi und ihr Stellvertreter, Florian Kaufmann, arbeiten gut und gerne zusammen.

Angelika Mischi macht ihren Job als Wohnbereichsleiterin im Sozialzentrum Wolfurt trotzdem gerne.

Wolfurt Gesucht: Wohnbereichsleitung. Schon seit einem halben Jahr prangt das Stellenangebot auf einer im Garten des Sozialzentrums Wolfurt angebrachten Tafel. Doch bislang erwies sich jede Art der Personalrekrutierung als erfolglos. “Früher war es für Pflegekräfte das große Ziel, eine Leitung zu übernehmen”, erzählt Pflegedienstleiterin Wiltrud Oberhofer. Heute nagen Bürokratie und andere Herausforderungen am Reiz dieses Jobs. Angelika Mischi (47) ließ sich davon nicht abschrecken. Vor zwei Jahren übernahm sie eine Wohnbereichsleitung in Wolfurt. Viel Zeit bleibt ihr für die Führungsrolle zwar nicht, dennoch: “Zu sehen, wie Mitarbeitende die ihnen anvertrauten Aufgaben übernehmen und diese mit Engagement und Verantwortungsbewusstsein erledigen, erfüllt mich mit Stolz”, hebt Mischi das Positive hervor. Ihr Stellvertreter, Florian Kaufmann (45), möchte beitragen, das Bild der Langzeitpflege nach außen zu verbessern: “Unsere Pflege ist genauso kompetent, abwechslungsreich und qualitativ wie im Krankenhaus.”

Portrait
Angelika Mischi arbeitete vorher sechs Jahre im Hospiz in Bregenz.

Vier Bürotage pro Monat

Die Arbeit einer Wohnbereichsleitung umreißt Angelika Mischi salopp mit dem Satz: “Man ist Sprachrohr in alle Richtungen.” Mitreden können, gehört zu werden und die Weiterentwicklung des Hauses aktiv mitgestalten zu dürfen, das alles stärkt sie. “Nicht zuletzt motiviert mich auch der Anspruch, dass Pflege mehr sein muss als warm, satt und sauber”, ergänzt Mischi. Sie leitet eine Station mit 27 Bewohnern und 25 Mitarbeitenden. Ein Großteil der Zeit fließt in die Pflege, nur wenig in das, was der Job sonst noch verlangt: Dienstplangestaltung, Mitarbeitergespräche, Teamsitzungen, Austausch mit Angehörigen. Gerade einmal vier Bürotage pro Monat stehen ihr dafür zur Verfügung. “Es ist herausfordernd”, räumt sie ein, bringt aber gleich einen zentralen Antrieb ins Spiel, nämlich jenen, für eine würdevolle, fachlich fundierte und menschliche Versorgung einzustehen und darum zu kämpfen.

Für Wiltrud Oberhofer (57) steht als Mitglied des Landesverbands der Heim- und Pflegeleitungen klar im Fokus: “Die Tätigkeit braucht bessere Rahmenbedingungen, um attraktiver zu werden.” Es handle sich um eine Schlüsselposition, die oft darüber entscheide, ob ein Team zu halten sei. In Workshops wurden bereits Themenfelder für eine Besserstellung identifiziert. Eine Arbeitsgruppe kümmert sich um konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. So soll unter anderem die Rolle der Wohnbereichsleitungen sichtbarer gemacht und öffentlich anerkannt werden.

Warnung vor Kollaps

Zum “Tag der Pflege” am 12. Mai haben auch die für die Pflegebeschäftigten zuständigen Gewerkschaften einiges auf dem Herzen. Im Rahmen eines Pflegeparcours mit mehreren Stationen machen sie am Dienstag ab 10.30 Uhr in Bregenz auf die wichtige Arbeit der Belegschaften in den Spitälern und Heimen aufmerksam. Gleichzeitig fordern sie verbindliche Maßnahmen für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und eine sichere Finanzierung für die Spitals-, Langzeit- und 24-Stunden-Pflege. “Unser System funktioniert nur noch, weil Beschäftigte sich selbst ausbeuten”, formuliert ÖGB- und vida-Landesvorsitzender Reinhard Stemmer drastisch. Überall würden Pflegekräfte an ihre Grenzen stoßen: “Wenn wir jetzt nicht handeln, steuern wir sehenden Auges auf einen Versorgungskollaps zu”, warnt er und bemängelt das Fehlen einer Gesamtstrategie.

Spagat zwischen Pflege und Bürokratie
Das Krankenhauspersonal machte seinem Unmut auch schon bei Kundgebungen Luft. VN/Sams

Thomas Steurer, Zentralbetriebsratsobmann der Krankenhäuser, kritisiert die laufende Spitalsreform: “Strukturen zu verändern bringt nichts, wenn die Menschen fehlen, die darin arbeiten.” Er pocht ebenso auf den Ausbau der Nachsorge, weil Patienten oft viel zu lange mit den Spitälern das teuerste Systemteil belegen würden. Laut GPA-Landesgeschäftsführer Marcel Gilly verschärft sich aufgrund gesperrter Betten auch die Situation in der Langzeitpflege: “Wenn wir Pflegequalität, Versorgungsstandards und eine würdige Betreuung für die Bevölkerung langfristig sichern wollen, müssen wir schon heute konsequent investieren.” Die GPA will mehr Pflegeheimplätze, stärkere mobile Pflegedienste, zusätzliche Tageszentren, spezialisierte Unterstützungsangebote im psychosozialen Bereich sowie bessere Entlastungsangebote für pflegende Angehörige: “Soziale Arbeit ist weit mehr wert, als ihr derzeit zugemessen wird”, betont Gilly.

Konkrete Forderungen

1. Mehr Personal und verbindliche Personalstandards: Pflegeberufe müssen wieder attraktiv werden. Das gelingt nur durch faire Arbeitszeiten, verlässliche Dienstpläne und verpflichtende, bedarfsgerechte Personalschlüssel.

2. Faire Bezahlung und echte Anerkennung: Löhne und Gehälter müssen der Verantwortung entsprechen. Das gilt für alle Bereiche – von der Spitalspflege bis zur Behindertenarbeit.

3. Ausbau der Nachsorge: Übergangspflegebetten und Rehabilitationsplätze müssen ausgebaut werden, um Akutstationen zu entlasten.

4. Langzeitpflege stärken: Mehr Heimplätze, Ausbau mobiler Dienste, Tageszentren und Entlastung für pflegende Angehörige.

5. Reform der 24-Stunden-Betreuung: Faire Arbeitsbedingungen, Regulierung der Agenturen und soziale Absicherung für Betreuungspersonen.

6. Langfristige, öffentliche Finanzierung: Pflege muss solidarisch finanziert, öffentlich verantwortet und langfristig abgesichert sein – nicht dem Markt überlassen.