Kommentar: Nicht beurteilt
Schwer zu sagen, was Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) mit seinem Plan erreichen möchte, eine sechsjährige Volksschule einzuführen. Sehr viel spricht dafür, dass es sich um einen Akt der Verzweiflung handelt. Seiner Partei ist Bildung wichtig. Sie möchte „jedem Kind die Flügel heben“, wie sie betont. Politisch umsetzbar ist jedoch wenig. Das ist nicht so sehr ihre Schuld, aber ein Faktum. Vielleicht ist es Wiederkehr daher lediglich wichtig, seine Vorstellungen einmal laut und deutlich in Form von Überschriften zum Ausdruck gebracht zu haben; damit man ihm hinterher nicht vorwerfen kann, er habe resigniert.
Unbestritten ist, dass die Bildungslaufbahn-Entscheidung in Österreich sehr früh fällt. Dass die meisten Zehnjährigen entweder in die Mittelschule oder ins Gymnasium kommen, womit ihr Lebensweg zu oft auch schon vorgezeichnet ist. Und dass es grundsätzlich besser wäre, wenn die Entscheidung erst später getroffen werden müsste.
Warum es sich der Bildungsminister aber nicht einfacher macht und zum Beispiel die Konzepte für eine Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen aufgreift, die in Vorarlberg entwickelt worden sind, ist ein Rätsel. Im Auftrag des Landes haben sich hier Expertinnen und Experten lange damit auseinandergesetzt und überlegt, wie eine solche Schule mit bestmöglicher Förderung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers funktionieren könnte. Umgesetzt worden ist es leider nie.
Wie auch immer: Wiederkehr macht es sich schwer und „erfindet“ eine sechsjährige Volksschule, mit der unzählige Fragen verbunden sind, auf die er keine Antwort hat. In einem Zeugnis würde er wohl ein „Nicht beurteilt“ dafür erhalten: Wie sollen Unterricht und Lehrpläne ausschauen? Sollen die Schulgebäude, in denen um die Hälfte mehr Schülerinnen und Schüler Platz finden müssten, allesamt ausgebaut werden? Soll ein Teil der Mittelschul- und AHS-Unterstufen-Lehrer dorthin wechseln, und was soll aus ihren Schulen werden, die dann ja nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Jahre dauern würden?
Damit kein Missverständnis entsteht: Das alles ist lösbar. Dass Wiederkehr aber so gar nichts vorlegen kann dazu, lässt an der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens zweifeln. Zumal es auch hochriskant ist: Widerstände und Ablehnung könnten allein schon aufgrund der vielen Ungewissheiten unnötig stark befeuert werden.
Dabei würde der Bildungsminister Bündnispartner brauchen. Neos allein bringen keine Mehrheit auf parlamentarischer Ebene zusammen. Es wäre daher wichtig für ihn, unter anderem auch mit der SPÖ und den letzten Kräften in der ÖVP zusammenzukommen, die es dort vielleicht noch gibt für eine Gemeinsame Schule bzw. eine spätere Trennung. Gerade auch in Vorarlberg, wo ein vager Satz im Regierungsprogramm darauf hindeutet, dass sie nicht ganz verschwunden sind: Er lautet sinngemäß, dass man Schulen unterstütze, die sich gemeinsam auf den Weg machen, schulartenübergreifend zusammen zu arbeiten, um die Schulen der 10- bis 14-Jährigen weiterzuentwickeln.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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