CSD-Obmann Emanuel Wiehl: “Angst ist ein Nährboden für Ausgrenzung und Gewalt”

Der Juni steht weltweit im Zeichen des Pride Month. CSD-Obmann Emanuel Wiehl spricht über gesellschaftliche Entwicklungen und die Bedeutung von Sichtbarkeit für queere Menschen.
Bregenz Der Juni gilt weltweit als Pride Month und steht im Zeichen von Sichtbarkeit, Vielfalt und den Rechten von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und queeren Menschen. Auch in Vorarlberg wird in diesem Rahmen wieder gefeiert. Am 27. Juni findet in Bregenz der Christopher Street Day (CSD) Vorarlberg statt. Unter dem Motto “Gemeinsam, sichtbar und bunt” zieht ab 14 Uhr ab dem Kornmarktplatz ein Demonstrationszug durch die Stadt. Bereits ab 13 Uhr präsentieren sich Vereine, NGOs und politische Gruppierungen. Danach folgen Redebeiträge, Musik und künstlerische Programmpunkte am Leutbühel. Im Interview spricht CSD-Obmann Emanuel Wiehl über Sichtbarkeit, gesellschaftliche Entwicklungen und die Bedeutung des CSD in Vorarlberg.
Was steckt hinter dem diesjährigen Motto “Gemeinsam, sichtbar und bunt”?
Wiehl: Die Gesellschaft besteht aus vielen unterschiedlichen Elementen, und wir sind eine Gemeinschaft. Queere Menschen arbeiten in sozialen Berufen, im Dienstleistungsbereich und in vielen anderen Bereichen. Sie sind tragende und beitragende Elemente unserer Gesellschaft. Unter dem Begriff Pride versammeln sich viele unterschiedliche Gruppen und Themen. Das reicht von schwulen und lesbischen Menschen bis hin zu Inter- und Transpersonen. Gleichzeitig geht es auch um Solidarität mit anderen Gruppen und darum, die Bedürfnisse anderer mitzudenken.

Warum ist der Demonstrationszug durch die Stadt wichtig?
Wiehl: Viele Themen sind in der Gesellschaft nicht im Bewusstsein angekommen. Für viele queere Personen ist der CSD deshalb ein ganz besonderer Tag. Beim CSD treffen sie auf Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und fühlen sich gesehen. Das ist wie beim Frauenlauf, wo sich alles um die Frau dreht. Das kann sehr bestärkend sein. Gleichzeitig geht es um Austausch und Begegnung. Wichtig ist, dass nicht nur über queere Menschen gesprochen wird, sondern mit ihnen. Es ist spannend, in diese Welt einzutauchen und zu schauen, wo wir Gemeinsamkeiten haben, wo wir uns unterscheiden und wo wir selbst gerne anders wären, als die Norm es uns diktiert. Es geht um das bewusste Reflektieren. Es ist wichtig zu zeigen, dass queere Menschen Teil der Gesellschaft sind, Teil des Stadtbildes.
Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert? Wie hat sich das gesellschaftliche Klima entwickelt?
Wiehl: Wir gewinnen ganz viel neues Wissen. In den Gender Studies oder auch in der Biologie sieht man, dass eigentlich alles ein Spektrum ist. Diese binären Schwarz-Weiß-Weltanschauungen werden von der Wissenschaft zunehmend entzaubert. Gleichzeitig beschäftigt man sich mit der Identität. Je mehr diese Themen öffentlich besprochen werden, umso mehr gibt es Personen, die sagen: Das habe ich immer schon gefühlt, jetzt gibt es ein Wort dafür. Das verwirrt natürlich auch viele Menschen. Früher gab es Mann und Frau, das war’s. Die Welt wird nun komplexer. Dann gibt es zwei Arten, sich dieser Komplexität zu stellen. Die eine ist Neugier. Die andere ist Angst. Und Angst ist immer ein Nährboden für Gewalt, Ausgrenzung und einen negativen Lebensansatz. Wir verzeichnen leider einen Anstieg von Gewalt in verbaler Form, digitaler Form und bei Übergriffen. Deshalb ist Prävention so wichtig. Wenn Menschen aufgrund von Ausgrenzung oder Diskriminierung keinen Platz in der Gesellschaft finden, kann das zu Depressionen oder sogar Arbeitsunfähigkeit führen. Davon betroffen sind nicht nur die Betroffenen selbst, sondern letztlich die gesamte Gesellschaft. Wir verlieren einen Anteil der Ressource Mensch, und diese Ignoranz muss man sich leisten können.

Ist Vorarlberg beim Thema Vielfalt konservativer als andere Regionen? Wo haben wir Aufholbedarf?
Wiehl: Ich mag nicht pauschal urteilen. Ich kenne ganz viele wunderbare Leute in Vorarlberg, und ich sehe aber auch ganz viele binär-patriarchal strukturierte Themen. Ich halte Vorarlberg für ein Land, das Chancen und Innovationen eigentlich immer umarmt hat. Darum glaube ich, dass gesellschaftliche Transformation und Innovation für Vorarlberg gut wären. Was ich schon beobachte, ist, dass die Sprache, die in der Politik verwendet wird, das soziale Klima einfärbt. Das finde ich unverantwortlich, wenn queere Menschen als Sündenbock dargestellt werden. Das ergießt sich dann über soziale Medien und andere Plattformen. Das halte ich für sehr bedenklich.
Wie sind Sie persönlich dazu gekommen, sich für die Rechte queerer Personen einzusetzen?
Wiehl: Ich halte es für richtig und wichtig. Ich bin auch bei Demos für feministische Themen dabei, weil man nicht nur die eigene Suppe kochen kann. Am Schluss sind wir alle als Gesellschaft verbunden. Ich bin jetzt seit fünf Jahren beim CSD dabei. Davor haben wir Formate wie die Pink Party veranstaltet. Da stand weniger der Aktivismus im Vordergrund. Wir wollten einfach queere Lebensräume lebendig gestalten. Es kommen immer wieder Leute zu mir und sagen: Danke, dass du damals die Party gemacht hast, sonst wäre meine Jugend in Vorarlberg furchtbar gewesen. Das bestärkt mich darin, dass solche Formate einen Unterschied machen. Jede und jeder kann einen Unterschied machen.
CSD Vorarlberg
25. Juni: “Verbotene Küsse”; mit Ina Friedmann, Landhaus, Montfortsaal
27. Juni: CSD-Parade und Kundgebung
13 Uhr: Versammlung am Kornmarktplatz, Bregenz
13.30 Uhr: Eröffnung
14.00 – 14.45 Uhr: Parade / politische Kundgebung durch die Stadt Bregenz
15 Uhr: Kundgebungen;
Redebeiträge der NGOs & Vertretung der Politik
zur Situation der Community und Show-Acts.
Anschließend gemeinsames Feiern des CSD Vorarlberg