Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, vierter Teil

Vorarlberg / 16.06.2026 • 12:12 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Also, dann fange ich noch einmal von vorne an: Zwei Geburten, ein Schrei. So hörte es sich an. Die Väter schlugen den Kopf aneinander, Aslan und mein Vater. Ein Mädchen, ein Junge. Amir, der Sohn des Aslan, und ich. Ein gemeinsamer erster Schrei. Es klang, als hätten wir uns das Jawort gegeben.

Unsere Väter waren verzaubert von der Gleichzeitigkeit unserer Geburt und bildeten sich eine Bedeutung ein. Das konnte doch nicht anders sein! Zwei lebenslange Freunde, die immer auf einander aufgepasst haben, die tausend Abenteuer erlebt haben, die sich nie angelogen haben, auch bei kleinen Wahrheiten nicht, die kriegen zwei Kinder, die mit einem gemeinsamen Schrei in die Welt hineinschlüpfen! Das sollte keine Bedeutung haben? Diese zwei Kinder gehörten zusammen. Wie oft wir das  gehört haben, Amirq und ich, ich weiß es nicht mehr.

Die Frau aus der Wäscherei war meine Mutter geworden. Meine Mutter und Aslans Frau mochten einander nicht. Aslans Frau war verzogen von ihrem Vater, verwöhnt, und sie sah, dass meine Mutter viel schöner war, das konnte ihr nicht gefallen. Dass Aslan, der immer allen Frauen, auch wenn sie nur halbwegs hübsch waren, nachblinzelte und dem fast immer nachgeblinzelt wurde, dass der eine Frau gekriegt hatte, die nicht einmal halb so schön war wie die seines Freundes, der doch ein Schüchterner war, der rot wurde, wenn ihn eine Kellnerin anlächelte, das konnte Aslans Frau nicht gefallen. Sie meinte, ihr Mann hätte eine Schönere verdient, als sie eine war. Sie war eifersüchtig, als hätte sie die Eifersucht erfunden. Sie ersann sich Böses, böse Nachrichten, die ihr niemand glaubte. So behauptete sie, meine Mutter stehle wie eine Elster, alles was glitzert, ab, weg, ab in ihre Tasche. Nie hätte meine Mutter auch nur einen Kaugummi gestohlen. Kaugummi nur ein Beispiel. Meine Mutter mochte jeder. Aslans Frau brachte Geld in die Familie mit. Ihr Vater, der Baustellenleiter, ließ sich gern von Aslan verziehen, er zog mit ihm um die Häuser. Das gab viel Ärger. Den beiden wurde nachtelefoniert, sie wurden in Spielhallen gesucht. Wenn erst einmal ein Kind geboren wird hört sich das auf. Hieß es. Dann wird aus Aslan ein moderner Vater, der dem Baby die Windeln wechselt. Wenn das Kind erst Baba sagen kann.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.