Kolumne: Eine Buchhandlung ist viel mehr als nur ein Laden
In Wien hat gerade wieder eine Buchhandlung zugesperrt, in Hernals. 135 Jahre gab es den Laden, jetzt gibt es ihn nicht mehr. Und nicht nur diese Buchhandlung hat geschlossen: Seit 2021 sperrten 300 Buchgeschäfte in Österreich zu.
Das ist auf so vielen Ebenen traurig, denn Buchhandlungen sind viel mehr als nur Geschäfte: Sie sind Grätzel-Treffpunkte für Menschen, Gesprächsorte, Nachbarschaftslorte, Beratungsorte, Veranstaltungsorte, Leseorte. Es sind die Orte, an denen kleine Kinder aufgeregt ihre ersten Bücher aus der Pixi-Kiste wühlen.
Es ist klar, warum so viele Buchhandlungen schließen: in erster Linie natürlich wegen des Online-Handels. Auch ich bestelle viel im Netz, aber was ich niemals beim Online-Riesen kaufen würde: Bücher. Falls ich doch mal zu weit weg von der nächsten Buchhandlung bin: Viele Buchhandlungen haben ihren eigenen, schnellen Online-Versand.
Sonst gehe ich in „meine“ Buchhandlung. Die liegt in der Wiener Josefstadt, und sie bleibt es, obwohl ich längst in einem anderen Bezirk wohne. Wenn ich ein Buch brauche, schicke ich eine Mail, und einer der beiden freundlichen Buchhändler antwortet mir sofort: entweder, dass es lagernd ist, oder dass er es schon für mich bestellt hat. Meistens ist das Buch schon am nächsten Tag abholbereit, das kann auch der Online-Handel nicht schneller. Und oft finde ich, wenn ich das Buch abhole, noch ein anderes auf dem Büchertisch, das ich eh auch schon lange lesen wollte.
Ich liebe meine Buchhandlung auch deshalb, weil die Buchhändler Dylan-Fans sind, fast immer, wenn ich den Laden betrete, läuft ein Song von Bob Dylan. Leider ist der freundliche schwarze Labrador nicht mehr, der viele Jahre seinen Platz unter der Kassa hatte, und der sich gerne streicheln ließ, während man auf seinen Kassazettel wartete.
Man kann die Schuld für das Sterben der Ortskerne nicht nur den Konsumentinnen und Konsumenten umhängen: Dass Ortszentren veröden, dass alteingesessene Geschäfte schließen müssen, dass Laden um Laden leer steht, liegt auch daran, dass Städte und Gemeinden aus Steuergründen Gewerbegebiete außerhalb der Ortsränder zulassen und fördern und damit die Kaufkraft aus den Zentren abziehen.
Und natürlich verschwinden gerade Buchhandlungen auch deshalb, weil die Welt sich so rasant verändert. Wer eine Information braucht, sucht man sie nicht mehr in einem Buch, sondern findet sie im Netz. Wir lesen nicht mehr, wir scrollen. Umso mehr freut es mich als Autorin, dass ich auch eine Gegenbewegung bemerke: So viele Menschen, die zu Lesungen kommen, Bücher lesen, Bücher kaufen, Bücher verschenken, mit anderen Menschen über Bücher diskutieren.
Jedenfalls. Für Buchhandlungen gilt, was auch für andere Läden gilt: Wenn wir wollen, dass es sie weiterhin gibt, dann müssen wir dort einkaufen.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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