Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Kommentar: Superreiche und das ewige Leben

Vorarlberg / 17.06.2026 • 15:19 Uhr

Es war ein Schmunzeln dabei, als mir Frau Ammann das Buch in die Hand drückte: „Survival of the Richest“ von Douglas Rushkoff. Der launige Untertitel „Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind“ macht noch neugieriger und Frau Ammanns Reaktion verständlich. Rushkoff ist Professor für Medientheorie und digitale Wirtschaft in NY, also einer, der mit tiefen Einblicken in die Auswüchse technologischer Hybris aufwarten kann.

Er kennt einige der Herrschaften. Frau Ammann hat das Buch verschlungen. Rushkoff sieht sich als Humanisten, „der sich mit den Auswirkungen der digitalen Technologie auf unser Leben beschäftigt“ und weniger als Zukunftsforscher, der die Bereiche des Möglichen vorstellbar macht, nämlich Eliten, die sich über neueste Bunkerstrategien, im Zaum zu haltende Privatarmeen, Mars-Kolonien, technologische Glücks-Simulationen, „Longevity“ Forschung oder gar ewiges Leben den Kopf zerbrechen, abgekoppelt von Normalverbrauchern, versteht sich.

Er weiß aus Erfahrung, dass sich ein superreicher Tech-Bro nicht primär Gedanken „über die gesellschaftlichen Auswirkungen“ der neuesten Technologien macht als vielmehr über Gewinnspannen und Machthebel. Ein Mindset, das eines Tages, in Ermangelung ethischen Bewusstseins, zum größten Problem der Zukunft werden könnte (abgesehen vom Klimawandel). Natürlich werden die skrupellosesten unter ihnen ihre „Kriegskasse“ verwenden, um in Regierungen „Lobbying für politische Veränderungen zu betreiben“ und dabei die Regeln der Demokratie zu torpedieren. „Vertreibung des Staates“. Er hat sein Buch also aus einer Sorge geschrieben, die, gefüttert von verbalen und demokratiefeindlichen Eskapaden von Leuten wie Elon Musk, Peter Thiel („Demokratie und Freiheit sind nicht vereinbar“), oder Sam Altman (Open KI Gründer) immer größer werden könnte. „Einige Multimilliardäre hegten ursprünglich durchaus gute Absichten“ schreibt er, aber bei den meisten erlangte das besagte Mindset die Oberhand, „als würde die solcherart praktizierte Akkumulation von Reichtum sie der Fähigkeit berauben, sich als Gesellschaftsmitglieder zu betrachten“.  Wissenschaftliche Studien stützen übrigens diese These. Ihr Fazit war: „Reichtum fördert Unmoral“. So mancher der Libertären neige dazu, „für sich eigene Gesetze aufzustellen und sich nicht um Moral zu kümmern“ geschweige denn um eine verbindliche Verfassung, die für alle da zu sein hat. Neueste Forschungsergebnisse implizieren sogar, „dass die Erfahrung von Macht und Reichtum in ihren Auswirkungen in gewisser Weise dem Verlust des Hirnareals entspricht, das für Empathie und sozial angemessenes Verhalten entscheidend ist.“ Diagnose: beschädigter Orbitofrontalkortex. Na Bravo. Ausnahmen wird’s wohl auch geben, hofft Frau Ammann, wenn sie an „brave Reiche“ denkt wie Paul McCartney oder Keith Richards oder . . . oder? Du meine Güte, wohin nur wohin?

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.