Kommentar: Wer entscheidet, was wir hören?

Vorarlberg / 03.08.2026 • 11:24 Uhr
Kommentar: Wer entscheidet, was wir hören?

Gastkommentar von Helga Boss.

Neulich saß ich bei den Bregenzer Festspielen im Orchesterkonzert. Am Pult Dalia Stasevska, auf dem Programm Kaija Saariaho und Lili Boulanger. Die Musik war großartig, und sie wurde ganz selbstverständlich gespielt, als gehöre sie längst dazu. Gerade deshalb fiel mir auf, wie selten so ein Abend noch immer ist.

Eine internationale Auswertung von 111 Orchestern in 30 Ländern kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur 7,5 Prozent der in der Saison 2023/24 gespielten Werke stammten von Komponistinnen. Der Rest des Repertoires kommt weiterhin überwiegend von verstorbenen, meist weißen Männern. Das ist keine reine Geschmacksfrage, sondern das Ergebnis eines Kanons, der über Generationen festgeschrieben hat, wessen Arbeit als bedeutend gilt und wessen Werk in Vergessenheit gerät.

Lili Boulanger gewann schon 1913 als erste Frau den renommierten Prix de Rome. Über hundert Jahre später klingt ihr Name für viele im Publikum noch immer wie eine Neuentdeckung. Eine Frau durchbricht 1913 eine der wichtigsten kulturellen Barrieren ihrer Zeit und bleibt trotzdem weitgehend außerhalb unseres musikalischen Allgemeinwissens.

Unsichtbarkeit entsteht selten durch einen ausdrücklichen Beschluss. Niemand sagt offen, dass er keine Frauen wolle. Es reicht schon, immer wieder dieselben Namen einzuladen und sich in denselben Netzwerken zu bewegen. Gewohnheit arbeitet effizient, leider auch beim Übersehen.

Umso mehr freut mich, was die Bregenzer Festspiele unter ihrer Intendantin Lilli Paasikivi vormachen. Sie holt Dirigentinnen wie Dalia Stasevska und Eva Ollikainen ans Pult und setzt Werke von Komponistinnen aufs Programm, ohne großes Aufheben und ohne daraus eine pädagogische Pflichtübung zu machen. Dafür gebührt ihr Anerkennung.

An diesem Abend ging es nämlich nicht um die Frage, ob genug Frauen berücksichtigt wurden. Es ging um hervorragende Musik. Darin liegt die Stärke dieser Programmierung: Frauen werden sichtbar, weil man ihre Arbeit sichtbar macht.

Das lässt sich auf Unternehmen, Medien, Politik und Wissenschaft übertragen. Jeden Tag entscheidet jemand, wer einen Auftrag bekommt, wer auf ein Podium eingeladen wird, wer als Expertin gefragt ist, wer für eine Führungsposition aufgebaut wird. Wer dann sagt, es gebe „leider keine geeignete Frau”, hat meist nicht zu wenig Auswahl, sondern zu wenig gesucht.

Ein weiterer Blick, eine bewusstere Suche, eine frühe Förderung: Damit ändert sich einiges. Wer Verantwortung trägt, kann seine Netzwerke öffnen, qualifizierte Frauen gezielt ansprechen und ihnen Räume geben, in denen sie zeigen, was sie können. Nicht aus Gefälligkeit, sondern als Teil einer guten, professionellen Auswahl.

Frauen vor den Vorhang zu holen nimmt niemandem etwas weg. Es macht das Programm reicher. Und manchmal klingt das einfach nach wunderbarer Musik.

Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.