Kommentar: Der innere Preiszettel

Vorarlberg / 06.07.2026 • 15:52 Uhr
Kommentar: Der innere Preiszettel

Gastkommentar von Helga Boss.

In meiner Arbeit als Unternehmensberaterin sehe ich viele Businesspläne. Auffällig ist ein Muster: Männer kalkulieren häufiger mutiger – mit höheren Gewinnen, Entnahmen und eigenem Gehalt. Frauen rechnen vorsichtiger. Nicht nur beim Umsatz. Vor allem bei sich selbst.

Bei Gründerinnen zeigt sich eine Schieflage, die wir sonst als Gender Pay Gap diskutieren. Nur gibt es hier keinen Arbeitgeber, der ein Gehalt vorgibt. Die Unternehmerin schreibt ihren Wert selbst in den Businessplan. Oft steht dort nicht, was Leistung, Risiko und Verantwortung wert sind, sondern was sie glaubt, sich erlauben zu dürfen.

Die Sozialpsychologie nennt dieses Muster “depressed entitlement”. Experimente zeigten: Frauen zahlten sich für vergleichbare Arbeit weniger aus als Männer – und hielten diese niedrigere Bezahlung für fair. Studien zu Gehaltserwartungen zeigen Ähnliches: Junge Frauen erwarten schon vor dem Berufseinstieg weniger als junge Männer. Der Unterschied ist da, bevor das erste Unternehmen überhaupt jemanden schlechter behandeln könnte.

Diese Selbstbewertung ist antrainiert. Niemand sagt einem Mädchen: Verlange später weniger. Die Botschaft ist subtiler. Studien zeigen: Jungen bekommen für Hausarbeit im Schnitt doppelt so viel Taschengeld wie Mädchen – die dafür mehr arbeiten. Mädchen werden für Ordentlichkeit und Fleiß gelobt, Jungen für Talent. Und ein durchsetzungsstarker Junge gilt als Anführer, ein ebenso durchsetzungsstarkes Mädchen als “bossy”. Bei Männern heißt Anspruch Ambition. Bei Frauen klingt derselbe Anspruch nach Übertreibung.

Später landet dieses Rollenbild in Kalkulationen. Miete, Software und Steuerberatung werden sauber eingetragen. Das eigene Gehalt bleibt der Restposten. Betriebswirtschaftlich ist das Unsinn. Ein Unternehmen, das die Gründerin schlecht bezahlt, ist ein schlecht gerechnetes Businessmodell.

Auch das Finanzierungssystem ist weniger neutral, als es gerne wäre. Studien zu Startup-Pitches zeigen: Investoren stellen Männern häufiger Wachstumsfragen. Wie groß kann das werden? Wie schnell skaliert es? Gründerinnen bekommen häufiger Risikofragen. Wie sichern Sie sich ab? Wie verhindern Sie Verluste? Die einen sprechen über Potenzial, die anderen über Begrenzung. Das verändert Antworten, Kapital und Geschäftsmodelle.

Der innere Preiszettel wird nicht erst im Gründungsgespräch geschrieben. Er beginnt viel früher und viel leiser: in der Erziehung, im Klassenzimmer, in jedem Lob für ein bescheidenes Mädchen. Wer etwas ändern will, muss dort anfangen – lange bevor eine Frau zum ersten Mal ihren eigenen Wert in eine Tabelle einträgt.

Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.