Humor als Rückenstärkung

Vorarlberg / 17.10.2026 • 10:00 Uhr
Sascha Jägers Leben ist von Schmerzen und Neuanfängen geprägt.
Sascha Jägers Leben ist von Schmerzen und Neuanfängen geprägt. HRJ

Mit seinen Montagsblödelfotos schenkt Sascha Jäger sich und anderen Lebensfreude.

Bürs Ein Tag im August dieses Jahres. Sascha Jäger brät ein Schnitzel. Er hat Durst, nimmt die Trinkflasche zur Hand, sie fällt zu Boden. Beim Versuch, sie aufzuheben, bricht er zusammen. Er schafft es noch, sich am Tisch hochzuhangeln, nach dem Handy zu greifen und seine Schwester Barbara anzurufen. Wenige Minuten später ist sie bei ihm und ruft die Rettung. Im Krankenhaus Bludenz wurde eine Lungenembolie infolge einer Beinthrombose festgestellt.

„Und wieder mal folgte einer von vielen Spitalsaufenthalten“, sagt Sascha und lacht. Der 47-Jährige lacht gern und oft, auch wenn sein Leben von Schmerzen und Neuanfängen geprägt ist: „Ich habe einen ziemlich schwarzen Humor, vor allem, was mich selbst betrifft.“

Folgenschwere Diagnose

Sascha kam am 1. Juni 1979 zur Welt. Mit drei Jahren wurde bei ihm Skoliose diagnostiziert – eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule mit gleichzeitiger Verdrehung der Wirbelkörper. „Neun Monate trug ich daraufhin ein Lederkorsett, dreimal drei Monate war ich eingegipst.“

Jeden Montagmorgen stellt Sascha ein neues Blödelfoto ins Netz.
Jeden Montagmorgen stellt Sascha ein neues Blödelfoto ins Netz. HRJ

Aufgewachsen ist Sascha mit seiner Schwester Barbara bei der Mutter in Bludenz. Nach dem Besuch der Sonderschule erlangte er den Hauptschulabschluss.

Die Erkrankung war nicht aufzuhalten. „Ich hatte einen Riesenbuckel, und in der Schule war ich immer der Kleinste“, erzählt Sascha. Alle zwei, drei Jahre verstärkte sich die Krümmung der Wirbelsäule. „Mit den Schmerzen ging es richtig los, als ich 16 war“, erinnert er sich, „und ich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann begann“.” Die Ausbildung absolvierte er in einem Lebensmittelmarkt. Er verließ dann die Firma, weil er sich diskriminiert fühlte, und nahm eine Stelle als Reinigungskraft an. Drei Jahre später folgte er seiner damaligen Partnerin nach Innsbruck – sie studierte dort Medizin.

Seine Wohnung dient dem Hobbyfotografen zugleich als Fotowerkstatt.
Seine Wohnung dient dem Hobbyfotografen zugleich als Fotowerkstatt. HRJ

In der Innsbrucker Klinik stand erstmals eine operative Korrektur der Skoliose bevor. „Doch zwölf Stunden vor dem geplanten Eingriff haute ich ab. Ich wäre 100 Prozent arbeitsunfähig geworden. Das wollte ich nicht.“ Schwere körperliche Arbeit war nicht mehr möglich. So ließ er sich zum Kindergartenassistenten umschulen und bekam eine auf acht Monate befristete Stelle. „Daraus wurden 15 Jahre.“

Dann verschlechterte sich sein Zustand. Der Spinalkanal hatte sich verengt, drei Bandscheiben waren schwer beschädigt. Nach einer ersten Teilkorrektur 2016 wurde zwei Jahre später die gesamte Wirbelsäule versteift. „Seither lebe ich mit zwei Metallstangen und 27 Schrauben im Rücken.“

Ein harter Brocken

Seinen Job im Kindergarten konnte er danach nicht mehr aufnehmen. Ihm blieb die Berufsunfähigkeitspension. „Das war ein harter Brocken für mich.“ Aber ein Sascha Jäger lässt sich nicht unterkriegen.

Am 2. Jänner 2023 rief er das Montagsblödelfoto ins Leben: „Meine Idee war, damit die am Wochenbeginn schlecht gelaunten Menschen zum Lachen zu bringen.“ Dafür verkleidet er sich, schlüpft in verschiedene Rollen und fotografiert sich. Jeden Montagmorgen publiziert er ein Foto in sozialen Medien, abrufbar unter FotoWerkstatt Da Sascha. „Wenn ich diese Bilder mache, versetze ich mich in eine andere, heitere Welt. Das gibt mir und anderen Mut und Lebensfreude.“

Der 47-Jährige lebt als Single in Bürs und meistert seinen Alltag trotz Dauerschmerzen eigenständig.
Der 47-Jährige lebt als Single in Bürs und meistert seinen Alltag trotz Dauerschmerzen eigenständig. HRJ

Seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckte Sascha im Jahr 2010. Längst wieder zurück in Vorarlberg, lebt er heute als Single in Bürs und ist seit 14 Jahren „Haus- und Hoffotograf“ der Kinderhilfsorganisation Stunde des Herzens. „Damit kann ich etwas zurückgeben von dem Guten, das mir widerfährt.“

Fragt man Sascha nach einem Wunsch, ist die Antwort einfach: „Mit meinen Montagsfotos immer mehr Menschen zum Lachen zu bringen.“

Das E-Bike, ein Geschenk von „Stunde des Herzens“, ermöglicht Sascha mehr Selbstständigkeit und Mobilität.
Das E-Bike, ein Geschenk von „Stunde des Herzens“, ermöglicht Sascha mehr Selbstständigkeit und Mobilität. HRJ