Wohin mit Atommüll?

Wissen / 28.11.2014 • 16:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im tschechischen Kernkraftwerk Dukovany kam es neulich zu einer Panne, wegen der zwei Reaktoren abgeschaltet werden mussten.  REUTERS
Im tschechischen Kernkraftwerk Dukovany kam es neulich zu einer Panne, wegen der zwei Reaktoren abgeschaltet werden mussten. REUTERS

AKW-Pannen in Europa. Deutsche Umweltstiftung warnt vor Entsorgungs-GAU.

Heidi Rinke-Jarosch

SCHWARZACH. Wegen einer möglichen Terrorgefahr fordert die internationale Umweltorganisation Greenpeace, die beiden französischen Atomkraftwerke in Cattenom und Fessenheim abzuschalten. Wenigstens vorübergehend. Grund sind etwa 30 bislang ungeklärte Flüge von Drohnen über die Nuklearanlagen. Die betroffenen Atomanlagen sind laut Greenpeace überaltert und „absolut unzureichend“ gegen eventuelle Terrorangriffe gesichert. Eine Studie belege die Gefährdung in Frankreich, Deutschland – für ganz Europa.

Das 1985 in Betrieb genommene AKW Dukovany liegt rund 120 Kilometer nördlich von Wien. Am 5. November ist dort eine Kühlwasserleitung undicht geworden. Daraufhin mussten zwei der vier Reaktorblöcke heruntergefahren und vom Netz getrennt werden. Das Leck in vier Metern Tiefe wurde repariert. Am 19. November wurden die Blöcke 3 und 4 schon wieder hochgefahren.
Am 27. Oktober, neun Tage vor dieser Panne, startete die österreichische Umweltorganisation Global 2000 die Petition „Stoppt den Risikobetrieb des AKW Dukovany“. (Die VN berichteten.)

Problem mit Endlagerung

In Deutschland, wo zwischen 1957 und 2004 etwa 110 kerntechnische Anlagen in Betrieb genommen wurden, gibt es derzeit massive Probleme mit der Endlagerung des Atommülls. Dem Bundesamt für Strahlenschutz zufolge konnte bisher nur ein Bruchteil des Nuklearabfalls fachgerecht für eine Endlagerung verpackt werden.

Das bisherige Entsorgungskonzept hat auf drei Standorten beruht: In der Schachtanlage Asse, ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen, wurde zwischen 1967 und 1978 die Endlagerung radioaktiver Abfälle großtechnisch erprobt und praktiziert. Das wegen unzähliger Demonstrationen bekannteste deutsche Atommülllager befindet sich in Gorleben, im äußersten Nordosten von Niedersachsen. Und schließlich Schacht Konrad, ein stillgelegten Eisenerz-Bergwerk bei Braunschweig, der zum Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung umgebaut werden soll. In diesem geplanten Endlager sind bisher erst 3000 Kubikmeter Abfälle zugelassen. Gemessen an der Gesamtmenge von rund 300.000 Kubikmetern, für die Konrad vorgesehen ist, wäre derzeit nur ein Prozent so verpackt, dass der Abfall dorthin gebracht werden könnte. „Nun erleben wir, wie alle drei Standorte wegbrechen“, erklärt der Vorsitzende der Deutschen Umweltstiftung, Jörg Sommer, und warnt vor einem „atomaren Entsorgungs-GAU“. Denn Tausende Atommüll-Fässer sind marod und die zu endlagernde Abfallmenge weitaus größer als erwartet. „Die Asse ist abgesoffen, und wir müssen Milliarden investieren, um den Müll dort wieder zu bergen – wissen aber nicht, wohin damit“, sagt Sommer. Im Schacht Konrad gebe es weder Kapazitäten noch Genehmigungen für die nötigen zu lagernden Mengen, und Gorleben sei zwar als Endlager für hoch radioaktiven Müll geplant gewesen, aber technisch ungeeignet und politisch verbrannt. Ein Endlager müsse hierfür erst gesucht werden und gehe nicht vor 2050 in Betrieb, so Sommer, der auch Mitglied der deutschen Endlagerkommission ist, die bis 2016 Kriterien für die bundesweite Suche erarbeiten soll.

Österreich betroffen

Angeblich soll Schacht Konrad 2022 betriebsbereit sein. Dorthin würden dann rund 90 Prozent von Deutschlands radioaktiven Abfällen verfrachtet. Diese machen aber nur 0,1 Prozent der Radioaktivität aus. Für hoch radioaktiven Abfall muss erst noch ein Endlager gesucht werden.

Österreich ist zwar ein AKW-freies Land, aber durch seine Nähe zu Kernkraftwerken in Deutschland,  Tschechien und der Schweiz von allen auftretenden Problemen betroffen. Für die Anti-Atom-Aktivistin und Russ-Preis-Trägerin Hildegard Breiner ist es unverständlich, dass „sich die österreichische Bevölkerung auch 36 Jahre nach dem Zwentendorf-Nein nach allen Seiten gegen die Atomwirtschaft wehren muss“.